X FOREIGN
4 DISSERTATION
1ER 92 695005 iin
Die Eneide
Heinrichs von Veldeke
und der Roman d’Eneas
Inaugural-Dissertation
zur Erlangung der Doktorwürde
der Hohen Philosophischen Fakultät
_ der Universität |Leipzig
von
Wilhelm Wittkopp
aus Köthen in Anhalt
—
ci
Universitätsverlag von Robert Noske in Bun: eipzig
1929 |
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Aufesonmen von der L Seklon der päilslgch-hitorschen Abtelng
e (der Pllophischen Fakultät u Grund der Geachten
er Haren Joller und Becker
Leipaig, den 22 Februr 1928
Moll, 4. Dekan
der pillelch iterschen Abtelung
der Pileropkichen Fakt
Meinen Eltern
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Inhalt.
Literaturverzeichnis .
Einleitung
. Die Schilderung
1. Das höfische Element
2. Der ritterliche Lebensstil .
3. Nachrufe von Toten .
. Schilderung von Dingen der Umwelt .
ID.
IV. 24
. Die Minneauffassung Veldekes .
Die Schilderung gegenüber den Zeitgenossen
Wahl der Farbe .
1. Die Didoepisode
2. Die Laviniaepisode
. Syntax.
Zusammenfassung.
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11.
12.
Literatur.
. Heinrich von Veldeke, herausgeg. von Ludwig Ettmüller. Leipzig
1852.
. Eneas, publi6 par Jacques Salverda de Grave. Bibliotheca Normannica
IV. BHalle 1891.
. Lamprechts Alexander, herausgeg. von Karl Kinzel. Halle 1884.
. Hartmann von Aue, herausgeg. von F. Bech. Deutsche Klassiker
des Mittelalters. I. Erec der Wunderzre. Leipzig 1893.
. Eilhart von Oberge, herausgeg. von Fr. Lichtenstein. Straßburg 1877.
. Barker Fairley, Die Eneide Heinrichs von Veldeke und der Roman
d’Eneas. Diss. Jena 1910.
. Olga Gogala di Leesthal, Studien über Veldekes Eneide Acta
Germanica Heft 5. Berlin 1914.
. Hubert Roetteken, Die epische Kunst Heinrichs von Veldeke und
Hartmanns von Aue. Halle 1887.
. J. Firmery, Notes Critiques Sur Quelques Traductions Allemandes
de Po&mes Frangais Au Moyen-Age. Paris-Lyon 1901.
. Jan van Dam, Zur Vorgeschichte des Höfischen Epos (Lamprecht, Eilhart,
Veldeke). 1923.
Jan van Dam, Das Veldekeproblem.
Felix, Eilhart von Oberge und Heinrich von Veldeke. Programm des
Gymnasiums zu Stendal 1895.
Dr. Schmuhl, Beiträge zur Würdigung des Stiles Hartmanns von Aue.
Programm Halle 1881.
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Einleitung.
Firmery) wirft den deutschen Germanisten (besonders Maßmann
und seiner Ausgabe des Eraclius) vor, daß sie die mittelhochdeutschen
Dichtungen zu sehr als Originale betrachtet hätten. Ohne Prüfung
gegenüber dem französischen Text hätten sie dann immer auf die
Überlegenheit des deutschen Textes geschlossen. Sie haben jedesmal
erwiesen (S. 10)
1. que le traducteur, je veux dire le «poete» ou «l’artiste»
allemand est original;
2. qu’il est superieur au narrateur frangais.
Firmery freut sich sehr darüber, daß deutsche Romanisten wie
M. Förster durchaus seiner Ansicht sind, daß nämlich fast alle mhd.
Übersetzungen von den frz. Originalen abhängig seien und gerade
seine „Notes Critiques —“ wollen zeigen, — que la dependance
de ces traducteurs — de ces imitateurs, si l’on y tient — est
beaucoup plus grande qu’on ne le soupconnerait d’apres ces travaux
(8. 12).
Der frz. Gelehrte geht so weit, daß er Behaghel und Golther
sogar nationalistische Vorurteile vorwirft, und im weiteren Verlauf
faßt er seine Untersuchungen über Veldeke in die Sätze zusammen:
Il est incontestable, d’une part, que l’Eneide de Veldeke est
une traduction du Roman d’Eneas, et une traduction qui, en
general, suit son original pas & pas; d’autre part, ne
serait-ce que par le fait que cette traduction est une traduction en
vers, il est non moins incontestable que cette traduction se permet
ca et la certaines libertes. Que le nombre de ces libertes soit aug-
mente ou diminu& de quelques-unes, le caractere generale de la
traduction n’en sera pas change. La traduction allemande est d’une
extraordinaire prolixite, bourree de chevilles, surchargee d’epithetes
*ı) Notes Critiques sur- quelques traductions allemandes de po&mes fran-
cais du moyen-äge. 1901.
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inutiles et peu variees, et abondante en repetitions de toute sorte
(S. 17). Er zieht Veldeke nochmal auf eine Formel zusammen, in-
dem er als das Wesentliche der Übersetzung Veldekes die Weit-
schweifigkeit nennt (S. 21):
le caractere dominant de la traduction de Veldeke est la pro-
lixitö und alle Erweiterungen sind eben nichts anderes als un pur
allongement de la matiere (S. 33).
Ich sehe in meiner Arbeit völlig ab von Firmerys Fragestellung,
ob der deutsche Dichter „original“ ist oder „traducteur“, da diese
Begriffe heute nicht mehr zureichen, um die Stellung eines Dichters
aus dem 12, Jahrh. zu seiner Vorlage zu charakterisieren. Ich will
vielmehr gerade die „prolixit6“ als Eigenheit Veldekes in einem ganz
bestimmten Sinne im genauen Vergleich mit dem frz. Dichter, aber
auch mit einigen Zeitgenossen abheben. Vielleicht kommt man so der
vielumstrittenen Gestalt Veldekes etwas näher.
L. Die Schilderung.
1. Das höfische Element.
In neuerer Zeit hat Fairley in seiner Dissertation nachzuweisen
versucht, daß für den Geist der Dichtung nächst der nationalen Ge-
sinnung die gesellschaftliche Stellung Veldekes bestimmend gewesen
sei. Eine große Anzahl von Versen sind allein aus dem aristokra-
tischen Gefühl des Dichters entstanden (S. 26). Diese Behauptung
kann aber nur zum Teil aufrechterhalten werden; denn bei einem
genauen Vergleich des altfranzösischen und des mhd. Textes
sieht man, daß Veldeke hier und da das höfische und aristokratische
Element unterdrückt. Es handelt sich eher im Roman d’Eneas um
ein gewisses Hochrittertum trotz der rohen Ausdrücke und höhnischen
Reden oder der ungeziemenden Situationen, die Fairley gerade zum
Beweis seiner Behauptungen heranzieht. Gleich im Eingang der
Eneide betont der frz. Dichter das Standesgefühll. Bei der Zer-
störung Trojas werden weder Grafen noch Fürsten geschont:
14. n’espargnoent prince ne conte
ne lor aveit mestier parages
ne hardemenz ne vasalages.
Veldeke macht daraus:
10. manech wib unde man
beleib da jamerliche töt.
15. der vile lutzel dä genas.
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26. dä ne mohte nieman genesen
der gesunden noch der siechen.
Die Trojaner werden nach ihrer Flucht von Troja bei Dido in
Karthago gut aufgenommen. Veldeke spricht von ihr ganz allgemein
als einer „frouwen“:
288. daz lant si berihte
sö iz frouwen wol gezam.
Der Franzose vergleicht sie (gles) mit Königen und hebt dadurch
ihre besondere Stellung hervor:
379. mielz nel traitast cuens ne marchis,
onc ne fu mais par une femme
mielz maintenue enors ne regne,
Dido erkennt auch an Eneas lauter ritterliche Eigenschaften, als sie
in der folgenden Nacht an ihn denkt. Sie hat Sinn für das Äußere,
für das Gesicht, den Körper, die Gestalt und seine Taten:
1225. son vis, son cors et sa figure
ses diz, ses faiz, sa parleure
und als sie nach dem Namen ihres Geliebten gefragt wird, sagt sie
nicht einfach Eneas wie Veldekes Dido, sondern sie antwortet aus
ihrer höfisch-ritterlichen Welt heraus: es ist der trojanische Vasall
und an Geburt, Reichtum und Tapferkeit kann sich keiner mit ihm
vergleichen :
1282, ce est li Troiens vasals
1295. ni vi home de nul parage
tant fust riches ne proz ne sage.
Bei einer Jagd werden Eneas und Dido vom Gewitter überrascht.
Die „gesellen“ werden voneinander getrennt: Ä
1812. des müste manegen enden
gesundert werden balde
di gesellen in dem walde.
Der Franzose bringt dafür einen Vergleich aus dem ritterlichen Leben:
1511. Fuiant s’en tornent plusors parz;
li plus hardiz i fu coarz
li plus vasals de peor tremble.
Nach der Liebesvereinigung der beiden erwähnt Veldeke ganz nebenbei,
daß „die hören after lande“ der Dido gram sind. Im Roman d’Eneas
aber wird das Standesgefühl herausgekehrt:
1582. — li baron
li duc, li prince, li contor
sind ihr gram, weil Dido einen Mann von niederem „preis“ vorge-
zogen hätte:
$)
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1586. qu’ele les a toz refusez
por un home de plus bas preis.
Eneas kommt vor der Höllenfahrt zur Sibille:
2741. dö sagete her ir rehte
sinen namen und sin geslehte.
Im R. wird besonders die göttliche Sendung und Abstammung betont:
2275. m’ont ga li deu a tei tramis,
ge sui prochains de lor lignie
nez sui de Troie l’essiliee.
In der Unterwelt trifft Eneas mit seinem Vater Anchises zusammen
und der zeigt ihm seine Nachkommenschaft. Von Lavinia soll er
einen Sohn haben:
3638. Silviüs sal her genant sin
Dem frz. Dichter genügt das nicht und er verspricht ihm deshalb
mehr, Silvius soll König werden und wieder Vater von Königen:
2940. Silvius a nom avra
il sera reis et de reis pere
et si tendra d’Albe l’empere.
Silvius wird einen Sohn erhalten und dieser soll dem Vater an Name,
Tapferkeit und Schönheit gleichen:
2944, cil ki forment te portraira
de nom et de grant piete
et de proece et de belte.
Für Veldeke ist dies nichts, denn dieser Sohn soll seinem Vater an
Haut und Haaren gleichen:
3646. Der sal dir gelichen al
an hüte unde an häre
von siten und von sinnen.
Von Silvius Eneas stammen
3655. Die mären güten knehte.
Im R. aber:
2947. Silvius Eneas.
molt i avra riche baron
de lui naistront et reis et dus.
Diese voneinander grundsätzlich verschiedene Art der beiden Dichter
läßt sich auch weiter verfolgen. Ehe Turnus den Kampf mit seinem
Nebenbuhler Eneas beginnt, versorgt er sich mit Waffen und läßt
Verbündete kommen. Unter ihnen ist Mezentius. Veldeke sagt ganz
allgemein, daß er 1000 Ritter mitbringt (Z. 5014). Der frz. Dichter
betont dagegen die besondere Stellung von Mezentiüs: er war ein
Fürst, dazu reich und zum Kriege sehr geeignet:
4
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3909. Mesenciüs ....
il ert uns princes d’altre terre,
riches oem fu et duiz de guerre.
Wie sehr Veldeke bemüht ist, das Standesgemäße zu tilgen, zeigt
das folgende Beispiel. Eneas wird bei Latinus gut aufgenommen.
Die freudige Nachricht davon teilt er nicht etwa seinen Baronen
und Fürsten mit, sondern
4118. her sagetez sinen mannen
armen unde richen
allen geliche
dem minnern und dem mören.
Dö wart under den hören
ein wunne vile gröze.
Die müden hüsgenöze
worden alle vile frö.
Selbst bei den allergewöhnlichsten Sachen betont der Franzose den
Reichtum und die Schätze der höher stehenden Personen. Eneas
flieht aus Troja und nimmt nach Veldeke
127. sin güt mit.
Im R, 50. — ses tresors en fist porter;
grant aveir et granz manantises
et granz richeces en a prises.
Dido entweicht vor ihrem Bruder nach Kartago:
304. dö nam si michelen schat
unde ein lutziles here
und für mit schiffen uber mere.
Der frz. Dichter betont viel voller:
387. Cele s’en est par mer foie,
molt ot grant gent en compaignie,
porte en a molt grant tresor
pailes et dras, argent et or.
Dido erobert dann Kartago
403. par sa richece
par son engin, par sa proece.
Dem standesgemäßen "Gefühl entspricht selbstverständlich ein
Sinn zur Etikette. Bei der Begrüßung des Eneas durch Dido wird
uns im R. genau erzählt, daß Dido ihm entgegengeht, er tritt vor
und grüßt sie. Er faßt sie bei der Hand und beide trennen sich
schließlich von den andern:
721. contre lui est Dido venue;
il vait avant, si la salue.
Ele le prist par la main destre;
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en l’entaille d’une fenestre
se sont loing des altres asis.
Veldeke ist dies zu umständlich. Er begnügt sich mit einem Satz:
728. si enphieng in minnechliche
und dar zü alle sine man,
und beim darauffolgenden Festessen sagt er ganz einfach:
888. man enmohte niht gezellen
diu rihte noch daz trinken.
Der frz. Dichter aber erwähnt, daß man sich vor dem Essen die
Hände wusch. Danach werden die Tische abgeräumt und der Saal
erstrahlt im Lichterglanz. Umsomehr Sinn hat Veldeke für das nicht
von der höfischen Etikette eingeengte Essen.
Die Trojaner landen in Italien; sie suchen an der Küste Nahrung,
finden nicht viel und nehmen daher mit ihren kärglichen Vorräten
vorlieb:
3041. del pain pristrent et des crosteles
tables en font et escueles,
sor lor tables metent lor mes.
Was macht Veldeke daraus? Mit aller Umständlichkeit erzählt er,
daß sie sich bequem hinsetzen, sie nehmen das Brot
3751. unde legetenz üf ir schöz.
von dem bröte sie sniden
schuzeln vile reine,
gröze unde kleine,
|
dar üf legeten sie dö
ir fleisch unde ir vische
sine heten ander tische
niwan ir knie unde ir bein.
Zusammen mit dem Fleisch essen sie sogar die Schüsseln, solchen
Hunger hatten sie, und Veldeke meint dazu:
3762. daz gemarkte ir dehein
aller der die dä säzen
dö sie daz fleisch gäzen,
die schuzzeln äzen sie dar nä.
Wie sehr der Franzose auf Etikette bedacht ist, zeigt die Tat-
sache, daß er extra erwähnt, daß Dido von vier Grafen in ihr Schlaf-
gemach begleitet wird und daß sie außerdem noch Töchter von
Königen und Grafen bei sich hat:
1213. Quatre conte l’en ont menöe
Google
1214. en sa chambre s’en est entree,
c. douzeles i ot de preis,
filles de contes et de reis.
Vor der Jagd des Eneas und der Dido erzählt Veldeke von
ihrer Kleidung in seiner charakteristischen Art. Dies interessiert
den frz. Dichter weiter nicht, ihm genügt es, daß der Trojaner
1496. ne resemblot de rien vilain.
Vorher betont er aber die Form, daß Dido aus dem Saal heraus-
geführt wird:
1481. drei duc la meinent de la sale.
2. Der ritterliche Lebensstil.
Die ritterlichen Attribute der Helden gibt Veldeke ebenfalls
anders wieder:
8284. des kuneges sun Pallas ist in der Vorlage:
6492. Pallas li proz, li bels, li genz oder Lansüs
3914. uns dameisels proz et gentiz
verliert auch die ritterlichen Bestimmungen und bleibt nur
5019. der schöniste jungelink.
Eneas ist für Lavinia
9863. der minnesälege Troiän
wie wart her ie sö wol getän,
hern mohte niemer schöner sin.
Im R. dagegen ist er der durch Tapferkeit Berühmte:
8051. molt li senbla et bel et gent
|
le loent tuit par la cite
et de proece et de belte
bien le nota en son corage.
Der frz. Dichter vereinigt also Schönheit und Tapferkeit mitein-
ander; Veldeke hat nur Sinn für die Schönheit. Die Eigenart beider
Dichter zeigt sich besonders gut bei der Beschreibung der Kamille.
Die Schönheit der Kamille erwähnt der Franzose nur beiläufig, um-
somehr hebt er ihre Tapferkeit hervor:
3961. Camille....
a grant merveille par fu bele
et molt esteit de grant poeir
ne fu femme de son saveir.
Molt ert sage, proz et corteise
et molt demenot grant richeise
3969. molt ama chevalerie
83976. ne fu femme de sa vaillance.
Google
Für Veldeke ist nur die Schönheit der Kamille maßgebend, die
Tapferkeit und den Reichtum unterschlägt er völlig; Kamille ist:
5116. ein maget wol getäne,
verwizzen unde reine.
sie was iemer eine
der schönisten juncfrouwen.
5123. wol gewassen genüch.
Eneas sandte Boten zu Dido und reitet dann selber hin. Er wählt
sich eine Begleitmannschaft von 500 Rittern aus. Es ist nun
sehr kennzeichnend, daß nur im Anfange etwas von ihrer Tüchtig-
keit gesagt wird. Es ist für sie viel wichtiger, daß sie gut sprechen
und sich benehmen konnten usw.
674. an den het her die fromecheit
vil ofte erfunden,
daz si vil wol kunden
sprechen unde gebären
und edele lüte wären
— — — sö wol getän
ob sie vor den keiser solden gän.
Der ritterliche Lebensstil wird also völlig überdeckt durch eine
ästhetische Haltung, bei der Schönheit mehr gilt als ‚Tapferkeit.
Eneas reitet mit seinen Leuten in Kartago ein; sie loben nun an
der Burg nicht etwa Festigkeit, Stärke und gute Lage, sondern sie
702. dühte in vil lussam
üzen und innen.
Die Straßen der Stadt findet er vile breit (708.) und dazu noch:
710. manich hüs wol getän
und manich riche palas.
Von der Zerstörung Trojas wird schon vorher gesagt:
16. manech riche palas
wart dä zefüret
von marmore gemüret
unde manech güt hüs.
Nach dem Kampf mit Tyrreüs plündern sie dessen Haus, Veldeke
erzählt recht breit:
4795. grözen roub si nämen
und swaz si ane quämen
daz was allez verloren.
vihe, fleisch unde koren
mele, bröt unde win.
Im R. steht ganz kurz:
8
Google
3774. tot on rob& et tot on pris
mil somiers ont chargie de ble.
Wo sich der Franzose mit wenigen Worten beschränkt, da füllt Veldeke
auf durch Worte, die alle dem alltäglichen Leben entstammen: Mehl,
Brot, Wein, Häuser von Marmor usw. Vor den Ausdrücken der
ritterlichen Welt hat er fast eine Scheu. Ich hatte schon vorher
gezeigt, wie er die Tapferkeit der Helden zugunsten der Schönheit
unterdrückte. Ganz ähnlich vermeidet er Worte der Hochsprache
und gibt sie viel gewöhnlicher wieder. Dido hat einige Male die
Attribute.
560. la reine | Dafür schreibt 447. die frouwe und
1198. la reine Veldeke: 1225. frouwe Dido.
Anstatt 2297. Sire 2749. edel jungelink
7073. Dame 8922. frouwe maget.
Im frz. Text werden die Mannen mit Seignor angeredet:
6545. Seignor | „,..; ;
4115. Seignor | Bei Veldeke wird daraus:
8405. liebe frunt min.
65291. lieben frunt min. mine lanthören.
5302. mine mäge und mine man.
83. Nachrufe der Toten.
Vergleicht man die Nachrufe der Toten miteinander, so bekommt
man am besten ein Bild vom Lebensgefühl der beiden Dichter. Selbst
hier kann sich der französische Dichter vom Gedanken an den Körper,
den Ruhm und die Ehre nicht freimachen. Nach der unglücklichen
Liebe mit Eneas ersticht sich Dido. In den letzten Augenblicken
denkt sie an nichts anderes als daß sie nun ihre Ehre, Macht, Namen
und Ruhm verliert:
2051. ci lais m’enor et mon barnage,
ci deguerpis senz eir Cartage,
si perc mon nom, tote ma gloire.
Wie stark die ritterliche Welt im Roman d’Eneas überwiegt, ersieht
man daraus, daß an der Bahre des Pallas die Waffen der von ihm
getöteten Krieger gezeigt werden. Eneas’ Boten rühmen auch seine
Tapferkeit:
6285. com il fu proz
com il faiseit chevalerie.
Darüber freuen sich auch die Eltern:
6292. Quant il oirent reconter
de lor enfant tels vasalages
tels proeces et tels barnages —.
Wittkopp 2 9
Google
Der Vater trauert nicht um den Verlust seines Sohnes, sondern er
fragt, wer wird nun mein Reich und meine Ehre halten.
6304. Ki maintendra or mon pais,
mon realme, tote m’enor
dont tu fusses eir alcun jor?
Bei Veldeke läßt Eneas zwar auch die Waffen und Beutestücke des
Pallas zusammentragen, aber diese werden nicht mehr vorgezeigt vor
den Eltern, sie sind ganz in Vergessenheit geraten. In der Klage
des Vaters ist das kriegerische Element mit dem Lobe der Tapferkeit
ausgeschaltet. Der Sohn war seinem Herzen ein Licht, und Freude
und Wonne sind jetzt hin:
8092. dü wäre mime herzen ein lieht,
daz nü vil gar erloschen is
|
nü is mir immer mör benomen
froude unde wunne.
|
dü wäre ein kint und ein man,
daz unstadelich was.
8110, dir gienk Ben zu
din tugent unde din sin.
Die Klage über Kamille ist ähnlich; Turnus
7375. — gentiz pucele;
tant estiez corteise et bele,
taut amiez chevalerie,
Ne fu ne de nul parage
ki enpreist tel vasalage,
ne ki de ce s’entremeist.
7400. D’altres femmes estiez flors,
onkes nature, ce me senble,
en un cors n’ajosta ensenble
si grant proece o grant belte
molt par esteient dessenblable
vostre valors de vostre aage
vostre vis de vostre corage
vos estiez une donzele
corteise et avenanz et bele,
si estiez hardie et forte.
Tapferkeit, Schönheit und Lob höfischer Tugenden stehen gleich-
geordnet nebeneinander bei dem frz. Dichter; Veldeke erwähnt kein
Wort von ihrer Tapferkeit, nur das Lob der Schönheit bleibt, und
10
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ähnlich dem Nachruf von Pallas’ Vater nimmt das Tugendhafte einen
breiteren Raum ein:
9252. — Kamille,
schönes bilde, reiniu maget
9266. aller tugend und sinne
der hetest dü genüch.
und 9276. dorch dine manege tugent güt
und dorch din lobelichen sin
hätten dich die Götter eigentlich besser beschützen müssen. Man
kann sagen, daß im Roman d’Eneas der Rittergedanke als ästhe-
tisches Ideal durchaus im Mittelpunkte steht. Ehr- und Ruhmsucht
haben noch nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Die Tapferkeit, Macht
und Ritterlichkeit lobt man um ihrer selbst willen ohne irgendeine
Motivierung. Veldeke läßt dies weg. Sollte das nicht einen Grund
haben? Dazu kommt, daß er gerade das ethische Moment betont,
die Tugend nimmt den größten Raum ein, und wer viel Tugend hat,
den müßten eigentlich die Götter schützen im Kampf, so motiviert
er in der Leichenklage um Kamille. Als Turnus gefallen ist, klagen
9772. — sa gent et ses barons
um ihn. Veldeke gibt diese höfischen Worte durch „frunde“ wieder.
In der Klage selbst schieben sich kriegerische und ethische Ausdrücke
merkwürdig ineinander. Die letzteren überwiegen natürlich. Eine
frz. Parallelstelle fehlt leider hier.
Die Trauer um Turnus ist sehr groß
12408. wande nehein sin genöz
mer tugende nie gewan,
wie her wäre ein heidensch man.
her was des Then ein degen,
küne unde mahtich,
wise unde bedahtich,
getrouwe und wärhaft,
milde unde örhaft
ein lewe re mütes,
ein ekkestein der ören,
ein spiegel der hören
her hete wol getänen lib,
|
her hete in siner jugende
üz erwelder tugende
wol zehener siner gnöze teil....
2* 11
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IL. Schilderung von Dingen der Umwelt.
Der ritterliche Lebensstil der frz. Vorlage wurde von Veldeke
durch einen andern ersetzt. An den ritterlichen Grundton erinnerte
er sich nur zeitweise. Das Höfische und Konventionelle lag ihm auch
nicht. Umsomehr Sinn und Geschmack gewinnt er den Dingen des
täglichen Lebens ab. Mit einer fast verschwenderischen Fülle von
Worten beschreibt er ihre Pracht. An Pallas’ Grabe wird z.B. eine
Lampe angebracht:
6510. une lanpe ot desor pendue....
Veldeke übersetzt fast wörtlich:
8298. ein lampade wart dö gehangen
über Pallases grab.
Er setzt aber nochmal an, um zu erzählen, wie eigentlich die Lampe
aussieht. Die bloße Tatsache genügt nicht:
8302. diu lampade was ein jachant,
sie ne was niht glas
der jachant röt als ein blüt....
Ähnlich ist es bei der Rüstung des Eneas, die Vulcan herstellt:
4361. de fer fist une rei sotil.
molt en furent delgie li fil.
Veldeke 5598. ein netze hiezer werken
von silber und von stäle
und fängt dann nochmal an:
5602. ein netze sö getän
als ich ü sagen nach,
daz manz küme gesach,
sö cleine wärn die dräte,
Die Bahre der Kamille besteht aus dem Zahn eines Fisches:
1443, Les barres et li dui limon
furent de la dent d’un peisson.
Veldeke sagt, wie sie aussieht; er gibt die einzelnen Teile an:
9230. die boume wären vile güt
von helfenbeine,
gnüch lank und niht kleine.
|
sidın wären diu seil
diu besten diu man ie gesach.
Dazu noch 9246. ein phelle sarrazine
grözen unde langen.
Während das Grab im Roman d’Eneas
7566. n’i ot fenestre ne verrine
12
Go gle
weiß Veldeke, daß
9858. ez hete in vier sinne
güter venster viere
von granäte und von saphiere....
es folgen dann Aufzählungen von Edelsteinen. Die Pfeiler sind mit
Vögeln besetzt:
7552. li pilers fu tailliez toz
& flors, a biches, a oisels,
et ensement li chapitels.
Die Tiere läßt Veldeke weg:
9354. — ein philäre
von marmor vierzich vüze hö.
dar üffe lach ein simezstein,
sinewel, siben füze breit.
und mit der raffiniertesten Genauigkeit, gibt er an, daß man dö
sworhte
9338. ein geworke, daz sich breite
al umbe in allen siten
enlenge unde enwiten
ze iegelichem steine
güter spannen eine.
der meister mäzetez also.
ez wart vierzich füze hö.
s und zweinzich wit enbinnen.
ez wart geworht mit sinnen
unde was vil zierlich.
dä unden was der esterich
al von edelen steinen
grözen unde kleinen.
Dem Franzosen fehlt die Angabe der Genauigkeit. Er sagt, sie
machen
7556. — une oevre ki s’eslaise;
fors s’eslaisot bien igalment
tot environ reondement;
tot a compas tant s’estendeit
que en toz sens vint piez aveit.
Bei der Beschreibung des Pferdes der Kamille werden ebenfalls die
Sattelbogen und der Sattel weiter ausgeführt als in der frz. Vorlage.
Charakteristisch ist dabei die Angabe ze mäzen enge unde wit, die
Veldeke öfter macht,
13
Google
5239. Der satel, der dar üffe lach,
der was als ich ü sagen mach
vore wär und ungelogen:
im wären die satelbogen
güt von helfenbeine,
gezieret mit gesteine,
ze mäzen enge unde wit
und endlich 5250. die darmgurteln wären sidin,
veste unde lange.
Der Roman d’Eneas begnügt sich mit wenigen Worten:
4075. La sele ert buene, et li arcon
furent de l’uevre Salemon,
a or tailliö6 de blanc ivoire.
4081. D’un brun paile audens les cengles.
Wenn man aus all diesen Stellen lediglich als charakteristisch Veldekes
„la prolixit6“ herauslesen wollte, so würde man ihm unrecht tun.
Die Weitschweifigkeit trifft doch immer mit dem Bestreben zusammen,
bis ins kleinste alles anzugeben. Nach der Beerdigung des Pallas
läßt der König das Grab zumauern
6527. si fist li reis l’uis estoper,
qu’on n’i peüst ja mais entrer.
Veldeke zählt genau das Material auf:
8360. dö wart vermüret daz tor
mit kalke und mit steinen
grözen unde kleinen,
die veste wären unde hart. e
Kurz vorher wird erzählt, daß in der Lampe, die das Grab erhellt,
ein Stein ist — une piere que l’en alume — 6515. Veldeke spricht
von (8312) einem edilen steine,
niht ze gröz noch ze kleine.
der stein is vile türe.
Ascanius reitet zur Jagd und nimmt sich 20 Gefährten mit. Diese
Ritter haben auch Waffen bei sich, weil sie die Gegend nicht kannten.
3578. car ne saveient la contree:
il n’aloent pas por vener,
mais por le dameisel guarder.
Veldeke zieht die ganze Sache anders auf; er erzählt, wie ihre Aus-
rüstung aussieht; Ascanius hat
4536. zweinzich jungelinge
willich zu dem dinge,
biderbe unde wol gezogen.
si fürden kocher unde bogen
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und vil scharphe strälen
und swert mit schönen mälen
und braken vile güte.
ir rocke unde hüte
wären grä schäfvare.
Ascanius trifft während der Jagd auf Tyrreüs. Der hat zwei Söhne
und eine Tochter: deuz filz et une fille aveit 3530. Veldeke gibt
uns dafür eine Charakteristik, die bloße Aufzählung oder Erwähnung
genügt nicht. Tyrre&üs
4562. — hete bi sinem wibe
zwene sune hörliche.
al ne wären sie niht riche,
si wärn vil güte knehte,
von edelem geslehte,
stark unde schöne,
wise und köne....
Bei Aventinus, dem Freunde des Turnus, begnügt sich ganz ähnlich
der frz. Dichter mit dem Namen Z. 3919. Veldeke aber beschreibt
ihn, wie er aussieht. Er ist also in gewissem Sinne viel visueller
als der frz. Dichter, denn er gibt fast keine Sache ohne irgendeine
Bestimmung an:
4563. Aventinus der märe,
man saget uns daz her wäre
hobisch unde £rhaft
küne unde wärhaft.
Und nur aus dieser Eigenheit Veldekes heraus läßt es sich erklären,
daß er den Kampf zwischen Turnus und Pallas unterbricht. Im R.
steht an der entsprechenden Stelle nur, daß keiner so tapfer wie
Pallas war:
5659. onkes uns oem de son aage
n’ot graignor los de vasalage,
ne ne fu uns de sa valor.
Veldeke gibt uns dafür ein Bild seiner Kleidung: Er ist natürlich
1282. wol gewäfent, aber wichtiger ist, daß
7288. phellin was sin wafenrok
unde sin zeichen was
cindäl grüne als ein gras
und sin schilt was grüne.
Dann erst geht der Kampf weiter. Daß Veldeke eine Kampfschilderung
zugunsten dieser Beschreibung unterbricht, ist umso verwunderlicher,
als er sonst alles, was eine Handlung in ihrem Fortgange stören
würde, wegläßt. Fairley meint gerade zu dieser Stelle S. 70 Anm. 2:
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„Veldeke verrät hier eine Neigung zum Theatralischen, die besonders
aus den Farben hervorgeht.“ Der Satz ist nicht ganz klar und auch
nicht richtig; denn diese Stelle zeigt weiter nichts als das andauernde
Bestreben Veldekes, einen Gegenstand oder eine Person genau an-
zugeben. An einer anderen Stelle erhalten wir so einmal eine aus-
führliche Beschreibung eines Festungsbaues. Während der Reise
einer Gesandtschaft des Eneas nach Laurente zum König Latinus
läßt nämlich Eneas eine Burg bauen als Stützpunkt. Veldeke be-
schreibt genau den Vorgang:
4074. dorch den hals si grüben
graben vile 'wite
tiefe unde werehaft....
4082, berfride und erkäre
macheten sie vile dä
bi einander gnüch nä.
steine sie trügen,
ir brucke sie slugen
ob dem graben witen,
daz si uber mohten riten,
beidiu riten unde gän.
Die frz. Vorlage bleibt dagegen ziemlich kurz:
3155. et nuit et jor ont tant ovr&
a la trenchiere et al fosse,
as bretesches et as paliz
et a faire ponz torneiz....
Die verschiedene Art der beiden Dichter zeigt sich ganz zuletzt noch
einmal bei der Beschreibung von Festen. Die Hochzeit des Eneas
mit der Lavinia wird im Roman d’Eneas nur mit wenigen Worten
gestreift. Veldecke beschreibt uns genau den Vorgang mit einer
Unermüdlichkeit sondersgleichen. Festschilderungen sind entschieden
seine stärksten Stellen. Der Roman d’Eneas setzt kurz ein:
10091. Quant vint al terme ki mis fu,
qu’a grant peine orent atendu,
li reis ot ses amis semons
et mande ot toz ses barons.
Veldeke bleibt schon in den Vorbereitungen dazu stecken; er erzählt
zuerst von Eneas:
12595. Dö kleidete sich En£as,
wander ein edel vorste was,
vil riche des gütes
|
dar näch zierde her sich.
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sin gwant daz was herlich,
wand im lieb was din vart
sö nie nehein keiser wart,
kristen noch heiden,
daz gwant,
ez wäre hörlich genüch.....
Schon die Wortwahl zeigt, wieviel Wert Veldeke auf den Putz legt:
er kleidet sich, dann ziert er sich und zweimal setzt er an, um das
Gewand zu beschreiben. Eneas nimmt 50 Ritter mit, die sind natür-
lich genau so wie er prächtig gekleidet:
12613. Funfzich ritter wol getän,
schöne unde lobesam
näch wärheit niht nach wäne.
wol N mit gewande, dann erst
und vil ritterliche.
Veldeke beschreibt darauf ihre Kleidung in der ihm eigenen Art.
Auf diesem Feste ist soviel Glanz und Pracht,
12634. daz die blümen und daz gras
dä verschinen varlös.
Der Glanz und die Pracht rühren aber nicht von dem Leuchten der
Ritterrüstungen her, sondern die Ritter glänzen
12637. in manechvarwen siden
an borden und an gesmiden.
und an den liehten gimmen.
Eneas reitet in Laurente ein und wird vom König mit großer Freude
empfangen
10096. a grant joie fu receüz,
a Laurente l’eu a mene.
Veldeke erzählt, worin die Freude besteht. Zum Glanz und zur
Pracht tritt die laute Freude: Eneas reitet in die Stadt
12645. mit hörlichem gedrange,
mit phifen und mit gesange,
mit trumben und mit seitspile.
größer froude was dä vile.
Die Tore der Stadt werden aufgetan. Zu beiden Seiten sieht man
12653. einen wech vil langen
mit phelle behangen.
Natürlich sind auch viel schöne Mädchen und Frauen da, die alle
nach der Sitte ihres Landes gekleidet sind. Während der Hochzeit
herrscht überall laute Freude. Einige Ritter und Fürsten erzählen
sich etwas mit den Frauen, andere besehen sich die Burg:
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12722. sumeliche giengen schouwen
diu palas und die torne.
Als echte Ritter haben sie aber keine Freude an den Befestigungen,
den festen Mauern, sie sehen sich viel lieber die seidenen Vorhänge
in den Frrauengemächern an:
12725. sie sägen die kemenäten.
herlichen beräten
mit sidenen umbehangen
breiten und langen
nüwe unde zierlich..
Auf dem Boden liegen Teppiche, herliche bereite. Darauf
12735. die kolter von samite
von phelle und von dimite,
lieht unde maneger vare
und sehr charakteristisch für ihn ist dazu die Bemerkung
12738. man nam dä vil lutzel ware
uf ein verblichen baldekin
und üf käteblatin
und üf ein aldez gewant.
des nüwen man sö vile vant,
daz man des alden vergaz,
want daz nüwe zimet baz.
Eneas küßt seine Frau, grüßt die andern und darauf erzählt Veldeke
wieder, wie die Frauen gekleidet sind:
12764. dä mohte man schouwen
manegen minnechlichen lib,
beidin magede unde wib,
wol gezogen unde g£ret,
wol gekleit und wol geleret
ze werken und ze worden.
manegen türen borden
mohte man dä schouwen,
die trügen die frouwen,
wol mit golde genät
üf die phelline wät,
üf samit unde üf side...
Nach diesen Vorbereitungen kommt erst der Tag der Hochzeit
selber. Der Franzose geht kurz darüber hinweg.
10122. la feste fu molt eshalciee;
les noces durerent un meis,.
Bei Veldeke kommen erst die Fürsten und Ritter von weit herzu-
geeilt, ebenso die Spielleute.e Es war eine große Hochzeit:
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12933. Michel was diu höchzit
und daz gestüle vile wit.
|
Arme und Reiche sind in gleicher Weise zu Tische geladen:
der kunich dö ze tische gienk
und die vorsten (riche) edele,
ir ieslich an sin gesedele,
arme unde riche
harde herliche,
An Speise wird nicht gespart. Im übrigen herrscht fröhliches
Leben und Treiben:
12959. Dä was spil unde sank
buhurt unde gedrank,
phifen unde springen,
videlen unde singen,
orgeln unde seitspil
maneger slahte froude vil.
Es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß Eneas die Spielleute
in reichlichem Maße beschenkt
12978. wander konde wole geben
unde hete ouch daz güt,
dar zü den willigen müt.
Die Fürsten folgen seinem Beispiel:
12983. ir ieslich mit siner hant,
daz türe phelline gewant,
golt und aller slahte schat,
silber unde goltvat, müle und ravide,
phelle und samide ganz und ungescröten,
manegen bouch röten, dorchslagen goldin,
zobel unde harmin ...
Die Gebepflicht der Fürsten scheint Veldeke eine sehr wichtige
Angelegenheit zu sein; denn er betont sie etwas später noch einmal
z. 13009 ff. Bei der Schwertleite des Pallas lobt er gerade an Evander
6253. her gab mit williger hant
ros schatz unde gewant
Evander der riche.
Das Fehlen der ausgedehnten Festschilderungen im Roman
d’Eneas zeigt Veldekes ausgesprochenen Sinn für fröhliches Leben
und Treiben, für Festkultur mit allem Putz und Gepränge. In seine
Zeit fällt ja auch das berühmte Mainzer Hoffest Barbarossas. Die
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Freude an solchen Festen liegt Hartmann nicht mehr, der bemerkt
ausdrücklich im Iwein 50:
daz nü bi unseren tagen selch vreude niemer
werden mac der man ze den ziten pflac.
IN, Die Schilderung gegenüber den Zeitgenossen.
Es ergab sich bisher als das Eigentümliche Veldekes gegenüber
dem frz. Text, daß er ritterliche Ausdrücke durch andere ersetzte.
Am deutlichsten trat dies neue Lebensgefühl bei den Totenklagen her-
vor, in denen das ritterliche Element fast völlig durch ein ethisches
verdrängt wurde. Nur ganz vereinzelt blitzte es hier und da nochmal
auf. Man könnte sagen, dies liegt in der Zeit, und von ihr ist Veldeke
beeinflußt worden. Zum Vergleich ziehe ich den Alexander, den
Tristrant des Eilhart von Oberge und Hartmanns Erec heran, ohne
natürlich auf Vollständigkeit der Stellen Wert zu legen. In allen
genannten Epen fällt ebenfalls wieder das Überwiegen der ritterlichen
Welt auf. Wenn z. B. die Waffen nicht einfach katalogartig auf-
gezählt werden wie bei Eilhart Z. 5848ff. und 5869ff.,, so hören
wir nur, daß ein Helm so fest ist, daß er nicht durchhauen werden
kann; ein Schwert muß gut schneiden und ein Panzer besteht aus
Stahl. Die gleiche Freude am Großen und Starken zeigt Eilhart bei
der Darstellung der Rüstung des Tristrant:
150. dö hiz der koning her vore tragin
sin steline harnas,
daz im harte lip was.
769. — ein swert zu mäze breit:
den stäl ez nergin vormeit,
swä ez mit zorne wart geslagin
ouch hiz her im vore tragin
einen schönen schild nüwe,
der was geworcht mit ganzin trüwin.
Ähnliches erfahren wir von Alexanders Waffen aus dem gleich-
namigen Epos:
1247. sin schilt der was elfinbein,
bezzer ne wart nie nehein.
sin helm der was ouh alsö güt,
daz nehein swert durh wüt.
ouh heter umbe di siten.
ein swert von güter sniten.
und an der hant einen geren.
er frumte manigen sören,
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oder es heißt ganz allgemein
425. er (Philipp) hiz ime wäfen vor tragen,
sö man si under des kuninges gesinden
allirbest mohte vinden,
und als Alexander gegen seine Feinde kämpft, sagt uns der Dichter,
daß er ein teures Schwert trug und daß sein Schaft groß und stark
war (1706 ff). Diese Art Dinge zu sehen, hat natürlich Veldeke
ebenfalls. Sie tritt aber zurück gegenüber einer mehr beschaulichen
Haltung. Der ritterliche Lebensstil löst sich langsam auf. Die Waffen
sind nicht ausschließlich zum Streiten da, zum mindesten bedeutet
das nicht mehr allzuviel für ihn. Neben dem rein praktischen haben
sie einen Eigenwert bekommen. Wichtiger als Stärke und Festigkeit
ist das sinnliche Element: der Glanz, der auf ihnen liegt. Das Schwert
wird beschrieben, weil es leuchtet, rein und klar wie Glas ist und
voller Edelsteine sitzt. Diese Edelsteine müssen wiederum „mit listen“
oder „mit füge“ angeordnet sein. Der Unterschied wird klar, wenn
man sich die Rüstung des Eneas ansieht:
5670. her (helm) was lieht und wol getän,
brün lüter als ein glas
vil wole her geschaffen was.
5676. dä stunt ein blüme obene
von dorchslagenem golde,
dar inne ein röter jachant.
diu liste und daz halsbant
daz was vil wol gesteinet golt.
Im R.
4427. O le halberc ot helme cler
de costes d’un peisson de mer;
molt par fu forz et bien luisanz.
Ferner die Beschreibung des Buckels:
5752. sie was alwiz silberin,
geworht harde cleine,
gezieret mit gesteine.
smaragde und rubine, topazie und sardine,
crisolite und amatisten, die wären mit listen
gesetzet drin genüge. dä stunden inne mit füge
granäte und saphiere.
5764. der lewe was betalle röt
der gemalet was der ane,
und der Helm des trojanischen Priesters Chöres:
9020. ein helm scöne und sö lieht,
daz ne sagete man uns nieht,
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daz her bezzer mohte sin.
zoberst stunt ein rubin,
und alumbe an der liste
smaragde unde amatiste
und vorne an dem nasebant
ein gelwer adamant
genüch gröz unde güt.
dorchlühtec röt sam ein blut
waz mach ich ü mö sagen?
her lühte engegen deme tage.
Die Parallelstelle im Roman d’Eneas:
7169. (Chloreus) aveit un helme tant cler
que uns nel poeit esguarder:
contre soleil reflaubeot.
Sub el pomel une pierre ot
ki esteit bien de set colors;
en fin or sist, taillie a flors.
Das völlig Neue bei Veldeke ist, daß das Einzelne sehr stark
betont wird. Die Dinge sind nichts Allgemeines mehr, sondern sie
bedeuten etwas gegenüber dem Ganzen. Bisher begnügte sich der
Dichter damit, anzugeben, ein Schwert ist fest und stark, oder das
Gewand einer Frau ist herrlich und zierlich. Veldeke bleibt bei diesen
allgemeinen Wendungen nicht stehen, sondern führt jedes einzelne
Ding, das zum Gewande usw. gehört, auf, hebt es gegenüber einem
andern wieder ab, so daß das Ganze aus einer großen Anzahl von
Teilen besteht, die völlig untereinander abgeschlossen sind. Als sich
Dido mit Eneas zur Jagd begibt, wird uns ihre Kleidung beschrieben:
1696. ir belliz der was hermin,
wiz unde vile güt; |
die kelen röt alse ein blüt;
die ermel wol ze mägen wit,
dar üffe ein grüner samit
nach ir libe wol gesniten,
1715. Ir mantel der was
ein samit grüne als ein gras;
diu vedere wiz hermin
daz si niht bezzer mochte sin.
der zobel brün unde breit.
— — ir hüt
1727. mit grünem samite bezogen.
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Die frz. Parallelstelle ist viel allgemeiner und nicht so ins Einzelne
gehend. Die Aufmerksamkeit für das Kleine und Einzelne zeigt sich
ebenfalls bei der Kleidung der Kamille:
6156. ir hemede daz was kleine
unde wiz alsam ein swane,
einen röten borden trüch si ane,
gedrungen vaste umbe ir lib.
5164. ir mantel der was harmin,
dar uffe ein grüner samit.
5168. der zobel was brün unde breit.
Die Besonderung der Dinge wird noch dadurch verstärkt, daß
jedes Ding eine eigene Farbe hat. Die entsprechende Stelle aus dem
Roman d’Eneas zeigt sehr gut die Verschiedenheit; denn der Franzose
hängt am Wunderbaren. Das Material der Kleider besteht aus den
Kehlen von Wundervögeln des Meeres (Z. 4035 —44),
4025. — chalciee fu d’un siglaton,
si soller furent d’un peisson
de cent colors menu vairie;
a or furent lie li pie,
ses mantels fu riches et chiers
et fu toz faiz a eschaquiers.... .
Vorher beschreibt Veldeke von Kamille genau ihre äußere Er-
scheinung: sie ist wohl gewachsen,
5126. wizgele was ir daz vas
und din scheitel vil gereht.
daz vorhoubet was ir sleht,
die ouchbrän brün und niht breit,
schöne ougen und wol stände,
|
diu nase der munt daz kinne.....
Diese Aufmerksamkeit für jedes besondere Ding ist äußerst
charakteristisch für Veldeke. Das Ausmalen des Kleinsten ist seine
Sache und der Sinn für äußere Schönheit, und es ist höchst auffällig,
daß gerade an der frz. Parallelstelle die ausführliche Schilderung fehlt
und dafür die Bemerkung folgt, daß Sitte und Anstand vielmehr wert
seien als’ äußere Schönheit:
4002. En tot le plus lonc jor d’este
ne direie ce qu’en esteit,
de la belt& que ele aveit
ne de ses mors, de sa bonte
ki valent mielz que la belte.
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Die Eigenart Veldekes zeigt sich am besten beim Ausritt des
Eneas zum Kampf. Lavinia zählt hier alle Sachen auf, die im Kampf
schützen: das Haarband schützt den Kopf, der Ring das Schwert usw.:
12019.
12028.
12036.
12040,
12045.
12050.
12058.
Si sprach „het her min härbant!
|
hetez der helt märe
umb sin houbet gebunden,
sö wäre im vor den wunden
daz houbet deste baz behüt —
heter aber mine rise
|
an sinen schaft gebunden,
daz ez wäre äne laster,
sö wäre ouch deste vaster
sin spere unde sin schaft,
ouch heter deste grözer kraft.
hete her doch mine mouve
an den armen sinen,
|
— sone mohter wider in niht getün,
wand Enöas wäre sö stark,
daz ichz niht näme vor tüsent mark —.
Het er (sprach si) min vingerlin,
|
sö gloubetich daz sin swert
vil snite deste baz.
heter nü disen borden,
da mit ich gegordet bin,
her hete maht unde sin
ein michel teil deste mer.
Die frz. Parallelstelle ist dagegen sehr dürftig:
9330.
ne sui mie de buen porpeus,
quänt mes amis neu a ma manche;
il en ferist molt mielz de lance;
o se li eüsse enveie
ma guimple, bien fust enpleie
molt en trauchast hui mielz s’espee .... .
Was also nur in den Anfängen vorhanden ist, hat Veldeke sehr
verbreitert. Jeder einzelne Gegenstand hat gegenüber dem andern
seine Bedeutung, er schützt nur einzelnes, erst alle zusammengenommen
schützen die ganze Gestalt.e Der Sinn für das Einzelne, Bunte und
Farbenprächtige zeigt sich auch in der Schilderung von Kamillens Waffen:
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8732. — frou Camille,
diu märe und diu riche,
gewäfent ritterliche.
8742. ir halsberge was vil güt,
wiz lüter sam ein is,
unde ir haben isenin.
8747. vil schöne ir helm was,
lüter brün alsam ein glas,
gezieret wol mit steinen.
ir schilt was elfenbeinen.
8756. diu buckele was von golde,
dar inne stunt manech edelstein,
dä diu sunne dorch schein.
der schiltrieme was ein borde
genät üf einen samit.
In der frz. Vorlage ist das alles nur in Ansätzen vorhanden.
Die besondere Art Veldekes wird wieder klar, wenn man Eilhart
dagegen setzt, seine Beschreibung von Isalde:
951. si was gar wite erkant
und was ein juncfrawe here;
ouch kunde sie arzedie mere
denne in dem lande ichein man.
1036. ferre man sie bekande
ouch lobete man sie genüg:
sie wes behegelich und wis.
an allen siten wol getän.
ouch kunde sie wol begän
ere und vromigkeit:
sie was mit zuchtin gemeit.
zu ir nam das ganze riche rät.
sie was die beste arzät
die in dem lande inne was.
Die grundverschiedene Art beider ist klar. Eilhart faßt die
Person von abstrakten Eigenschaften her. Er zählt uns einen ganzen
Katalog davon auf. Isalde ist „behegelich und wis“, hat gute Sitten
an sich, ist züchtig usw. Veldeke hingegen gab die Beschreibung
von äußeren Gegenständen, und gegenüber der starren Aufzählung
von Eigenschaften erfüllte er die einzelnen Dinge mit Leben. Mit
seiner visuellen Veranlagung sieht er die Welt viel bunter, farben-
prächtiger und vor allen Dingen wirklicher als Eilhart, dem sie nur
Wittkopp 3 25
Google
aus einer Summe von abstrakten Eigenschaften besteht. Auch sonst
begnügt er sich bei der Schilderung von Frauenschönheiten mit ganz
allgemeinen Redensarten. So ist z. B. Gymele
6473. — — — daz schönste kind
daz eir noch sint von mütir i geborn wart.
Sie ist so schön,
6481. daz nicht schöners mohte gelebin.
Von Brangöne weiß er nur
6485. Brangöne, die güte, die senftgemüte,
die hobische und die wise
und daß
6522. — — — von der schönen vruwin
irlüchtet was der tag.
Oder von Candacia im Straßburger Alexander heißt es:
5523. Candacia was ein kuninginne
und lebete mit sinne.
5851. si selbe was harte lussam
von rehtem prise wol getän.
sine was ze kurz noch ze lanc.
Die sinnliche Freude am Bunten und allem, was den Menschen
umgibt, geht den Zeitgenossen noch völlig ab. Kleidungsstücke
werden nur selten ausgemalt. Selbst bei einem Turnier am Hofe
des Königs Artus sieht Eilhart keine prächtigen Rüstungen, sondern
ein Ritter Delekors wird herausgegriffen und an ihn werden allerlei
kriegerische Tugenden herangepreßt:
506.0 her häte eines lauwin müt
|
he was ein harte frome man.
und häte vele gütis lobes:
he was biderbe und hobisch
und häte des landis vil ervarın
|
mannes werg her worhte
mit siner creftigen hant.
Diese Beschreibung atmet noch durchaus alte ritterliche Welt
mit der Freude an der rohen Kraft und Gewalt. Dazu tritt das
Interesse für das Übersteigerte und Wunderbare, der Ritter hat Löwen-
mut, er ist ein harte from man und des landis vil ervarn. Diese
Worte werden dann zum Schluß durch die kräftigen zwei letzten
Zeilen besonders hervorgehoben:
mannes werg her worhte
mit siner creftigen hant.
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Auch vor einem Zweikampf wird uns niemals die Rüstung irgend-
eines Helden dargestellt, sondern ohne jeglichen Abstand geht es in
den Kampf: Z. 5740ff. (Eilhart). Der Sinn für äußere Schönheit fehlt
noch vollkommen. Isalde erkennt Tristrant an der roten Rüstung
und am fremdländischen Hufbeschlag seines Pferdes Z. 1775 ff. Weiter
sieht sie nichts.
Dasselbe ritterliche Leben wie Eilhart hat der Straßburger
Alexander. Er hat abstrakte Eigenschaften an sich, nirgends. zeigt
sich auch nur ein Zug einer verfeinerteren Kultur wie bei Veldeke:
150. strüb unde röt was ime sin här,
näh eineme vische getän,
den man in den mere sehet gän
und was ime ze mäzen dicke
und crisp als eines wilden lewen locke.
Das Äußere ist durchaus roh:
158. ein ouge was ime weiden
getän näh einen trachen.
164. swarz was ime daz ander,
näh einen grifen getän.
167. sin hals was ime wol geschaffin,
sin brust starc und wol offin,
sine arme wären ime von grözer maht
allis sines mütes was er wol bedäht....
Die Farben stehen noch gar nicht für sich, sondern bedürfen
noch der Unterstützung durch grifen und trachen. Genau solch
kriegerischer Held ist Mennes, der wigant
1715. der hete manlichen müt
und was ouh ein riter güt.
Darius schickt ihn gegen Alexander:
1718. stolzer riter er nam
ze sih zehen hundrit
üz sineme here gesundrit,
di sin solden hüten
mit ellenthaften müten.
und Morolt in Eilharts Tristrant
351. der häte an sich vier manne sterke
her was vreislich
vil manchin her zü tode
slüg siner viande.
Die Kreuzzugsritterwelt mit der Freude am Wunderbaren und
Kräftigen, den Vergleichen mit Tieren lebt hier noch. Das Auffällige
an diesen Leuten ist die starke Brust, große Kraft in den Armen,
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Gewalt und männlicher Sinn. Diese Eigenschaften sind bei Veldeke
nahezu völlig verschwunden. In Nachrufen kehren sie nur dann
und wann mal wieder und selbst hier sind diese rohen Ausdrücke
sehr im Nachteile gegenüber den ethischen, siehe den Nachruf von
Pallas. Die Tugenden spielen schon eine größere Rolle und in den
ca. 20 Zeilen des Nachrufs wird allein dies Wort dreimal erwähnt.
Hartmann steht Veldeke wesentlich näher als Eilhart. In der
Art der Schilderung ähneln sich beide sehr, aber der Glanz der Ge-
wänder und die liebevolle Ausmalung auch des kleinsten Gegenstandes
tritt doch zurück gegenüber dem Gefühl für den Körper:
Erec 322. der megde lip was lobelich.
der roc was grüener varwe,
gezerret begarwe abehzre über al
dar under was ir hemde sal
und ouch zebrochen eteswä.
sö schein diu lich dä
durch wiz alsam ein swan.
ir lip schein durch ir salwe wät
alsam diu lilje, dä si stät
under swarzen dornen wi.
Im allgemeinen zielt Hartmann niemals so sehr auf die Be-
schreibung der Kleidung wie Veldeke. Er stellt auch die These auf,
daß man nie eine Frau nach ihrem Gewande wählen solle, sondern
nach der Beschaffenheit ihres Körpers:
Erec 641. des sol niht geschehen.
er hete harte missejehen,
swer ein wip erkande
niuwan bi dem gewande.
man sol einem wibe
kiesen bi dem libe
ob si ze lobe stät
unde niht bi der wät.
Die Vorliebe Veldekes, Dinge ihrem Aussehen nach zu beschreiben,
setzt sich bis in die alltäglichsten Gegenstände fort. Die Weichheit
der Betten Didos wird immer wieder betont:
1259. diu bette senfte unde weich.
1268. daz bette senfte unde wit.
1273. diu underzieche lederen vile weich unde vast.
Die Parallelstelle im Roman d’Eneas heißt:
1208. li lit furent apreste
de covertors et de buens dras.
23
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Im Alexander erhalten wir ebenfalls mal eine Beschreibung eines
Bettes im Palast der Kandacia. Da genügt es, daß die Betten aus
Gold sind 5893 ff. oder 5447 ff. Ferner Erec 368.
Der Sinn für die Qualität der Oberfläche kommt nur Veldeke
zu und er hat auch Freude daran, uns dies mitzuteilen. Das Hemd
der Dido ist
1687. cleine, wiz unde wol genät.
Der grüne Samt muß wohl geschnitten, wol gezieret und vil wol
geziemieret sein mit berlen und borden und die Ärmel müssen wol
ze mäzen wit sein 1698. Diese Art zu schildern erhält dann zu-
weilen fast weiblichen Charakter, wenn er beschreibt, daß das Seil
von Didos Hund aus Seide besteht, damit sie sich nicht zu schneiden
brauche:
1772. si warf daz seil umbe den arm
sö lise daz ez si niene dwank,
ez was vast und gnüch lank,
geflohten vone siden,
ezn mohte si niht gesniden
an den arm noch an die hant
noch zefüren ir gewant.
Bei der Rüstung des Eneas wird ebenfalls erwähnt, daß der
Schild unten mit Samt besetzt war, das ist weiter nichts Seltenes,
da es damals allgemein üblich war, aber ungewöhnlich ist doch die
Bemerkung, daß der halsperch so beschaffen war, daß man sich
darin sehr gut rühren konnte
5647. als in lininem gewant.
Aus anderen Schilderungen wissen wir, daß die Rüstung eines Ritters
so schwer war, daß er sie nur im Augenblick des Bedarfs anlegte.
Auf der Heerfahrt wurde sie von Saumtieren nachgeführt (Nib. 891).
In der Beschreibung der Gewänder tritt noch eine andere Eigenart
Veldekes hervor: eine gewisse Gespanntheit innerhalb der Worte,
die sich dann in den Liebesszenen wiederholt. Das Kleid der Dido
ist ihrem Körper angepaßt und schlägt keine Falten, es
1695. was gedwenget an ir lıb.
Der grüne Samt ist
1703. näch ir libe wol gesniten und der röte borden
ebenfalls
5159. gedwungen vaste umbe ir lib.
Dies Feste läßt er aber nicht bestehen und setzt dem „gedwenget“
in Z. 1695. gleich das Extrem entgegen:
1701. die ermel wol ze mäzen wit.
Diese Gespanntheit fehlt im R. Da heißt es nur:
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4021. vestue fu estreitement,
desus fu ceinte laschement
d’une sozceinte a or brosdee.
Sie wiederholt sich öfter. Die Sattelbogen sind
5245. ze mäzen enge unde wit.
Die Borde am Halse
1781. ze mäzen enge unde wit,
oder der Festungsgraben
6394. was tief und enge
und vorher heißt es, es waren
6355. tiefe graben und wite.
IV. Die Wahl der Farbe.
Kennzeichnend für Veldeke ist noch die Wahl der Farbe. Er
vermeidet grundsätzlich alle harten und kalten Farben, kommen diese
doch einmal vor, z. B. schwarz und weiß, so sucht er die scharfen
Grenzen durch Hinzusetzen einer warmen Farbe zu mildern. Rot,
weiß-gelb und ‘grün stehen an erster Stelle, also alles warme und
helle Farben voll Kraft und Wirkung, wie sie Goethe in seiner
Farbenlehre genannt hat. Weiß-lieht und alwiz silberin, die an und
für sich hart, „charakterlos“* sind, kommen deshalb nie allein vor,
sondern meist in der Zusammensetzung mit rot, und zwar „wol ge-
mischet“.
5139. ir varewe was lieht unde güt
rehte als milich unde blüt
wol gemischet röt und wiz.
äne blank und än verniz
(desn was ir nehein nöt),
von natüre wiz und röt.
Ebenso sucht er bei der Beschreibung des Buckels Z. 5752ff. das
grelle „alwiz silberin* durch rot und Aufzählung einer Menge Edel-
steine zu mildern, oder das Lichte, Helle am Helm des trojanischen
Priesters Chöres Z. 9020 ff. dämpft er durch gelb, verleiht dieser Farben-
zusammenstellung aber wieder Steigerung und Kraft durch rot. In
der frz. Vorlage fehlt dies natürlich. Das Haar der Kamille erscheint
ebenfalls nicht einfarbig weiß, sondern weißgelb:
5126. wizgele was ir daz vas
und diu scheitel vil gereht.
die ouchbrän brün und niht breit.
Der Roman d’Eneas hat hier schwarz und weiß als Gegensätze:
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3989. le front ot blanc et bien traitiz,
la greve dreite et la vertiz,
les sorciz neirs et bien delgiez.
les oilz rianz et trestot liez.
Andere Dichter haben natürlich auch Farbenschilderung, das Wesent-
liche ist nur, daß diese es noch nicht verstehen, Farbentöne heraus-
zubringen. Sie stehen z. B. im Alexander ziemlich nebensächlich
nebeneinander:
5253. lieht was ir glize,
ir röte unde ir wize
vil verre von in schein.
Bei Veldeke aber sind die Farben ein notwendiges Mittel ge-
worden, um ein Ding vom andern abzuheben. Als Beispiel nehme
ich die Darstellung von Kamillens Pferd:
5214. daz winster Öre und der mäne
wären im wiz als der sn&.
6218. im was daz zewese Öre
und der hals swarz als ein rabe.
5222. daz houbet was im al röt
und wol geschaffen genüch
und ein bein röt und ein büch.
Der Vergleich mit der frz. Vorlage ist gerade hier sehr aufschlußreich;
denn Veldeke entnimmt aus ihr die Farbenzusammenstellung, macht
aber etwas anderes daraus. Mit ihrer Hilfe hebt er nämlich, getreu
seiner Art, ein Ding vom andern ab, erfüllt es mit besonderem Leben,
so daß schließlich das Perd aus lauter einzelnen Teilen zusammen-
gesetzt ist. In der frz. Vorlage ist diese Mosaikarbeit nicht getan.
Das Pferd ist nicht in einzelne Teile zerspalten:
4050. come neis ot blanche la teste,
le top ot neir, et les oreilles
ot ambes dens totes vermeilles.
Die besondere Art Veldekes mit der Vorliebe für Licht, Glanz und
Farbe wird klarer, wenn man die Schilderung von Philipps Pferd
aus dem „Alexander“ dagegen hält:
272. daz ros daz was wunderlich.
irre und vil stritich
snel und starc von gescafnisse.
iz hete unzalliche craft.
und unmäzliche maht.
'
ime was sin munt
l
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als eime esele getän.
die nasen wären ime wite üf geslän.
sine ören wären ime lanc,
daz houbit magir unde slanc.
sine ougen wären ime allir vare
glich eineme fliegendiu aren....
Diese Stelle entspricht ganz den andern Stellen aus dem „Alexander“.
Das Roß hat alle Eigenschaften, die es für einen Ritter brauchbar
erscheinen lassen: vil stritich, snel und starc, es hat Kraft usw.
Dieselbe Art zeigt sich im Tristrant:
759. daz ros was ein edel kastelän
gröz stark und wol getän
mit kofirtüren wol gecleit.
ein gerete was dar üf geleit
mit bernischem golde.
der zom als her solde
was mit silber geslagen,
mit rötem golde ubertragen.
Dagegen deckt sich fast Hartmanns Beschreibung von Enitens
Reitpferd aus dem Erec Z. 7290 ff. mit der Veldekes. In dem Farben-
gewande erscheinen auch andere Gegenstände Die einzelnen Teile
machen dabei wieder das Ganze aus. Im Tristrant wird einmal er-
zählt, daß zwei Pferde eine Bahre tragen:
6499. .... eine bäre,
die was mit golde wol beslagin.
Veldeke beschreibt ihre einzelnen Teile und hebt sie durch verschiedene
Farben von einander ab:
9234. sidin wären diu seil
diu besten diu man ie gesach
ein kolter dar üffe lach
von rötem samite.
‚ mit grünem cimite
was diu liste undersniten.
Ganz ähnlich ist es mit der Beschreibung von Ringen. Bei Eilhart
ist er wesentlich Wahrzeichen Z. 6356, ein Zeichen, um die Wahrheit
von Tristrants Botschaft zu bekräftigen. Das Ding besteht also
eigentlich nicht für sich, sondern in etwas anderem. Bei Veldeke
ist es zu sich gekommen, es steht für sich da. Pallas’ Ring:
7563. daz was röt goldin;
ezn dorfte niht bezzer sin
und enwas niht ze kleine,
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mit einem edilen steine,
daz was ein smaragdüs grüne.
Im Roman d’Eneas ist die Parallelstelle ganz farblos:
5766. molt i ot bien encastone
un lioncel fait d’un jagonce;
d’or i aveit bien plus d’une once.
Im allgemeinen übersetzt also Veldeke nicht, er ist auch nicht weit-
schweifiger als die frz. Vorlage sondern er füllt den überlieferten Text
nur mit eigenem Leben. Die Zeichen und der Waffenrock des Turnus
erscheinen ebenfalls im Farbengewande:
7268. ein zeichen fürder an der hant,
daz was gele unde röt,
7272. ouch hete der helt märe
einen wäfenrok ane
alsö getän als sin vane
röt mide gel samit.
Vor der Hochzeit des Eneas und der Lavinia sehmücken sich dessen
Gesellen ;
12623. des fürden die gesellen
die zieren wät phellen,
nüwes gescröten,
manegen samit röten
purpur unde grüne.
Die Farben rot und grün werden durch purpur verstärkt. Die Würde
und Pracht dieser Stelle wird noch durch die Wortwahl erhöht, durch
die Häufung von zierde, h£rlich, herlich genüch, ritterliche usw. kurz
vorher. Veldekes Freude am Leuchten und an der Farbenpracht zeigt auch
sehr gut die Beschreibung von Kamillens Grab. Ein Katalog von
Edelsteinen dient wieder zur Erhöhung des Glanzes:
Das Grab
9358. — hete in vier sinne
güter venster viere
von granäte und von saphiere,
von smaragden und rubinen,
von crisoliten und von sardinen
topazien und berillen.
9368. daz himelze was obene
gemüset wol mit golde.
oder die Kette der Lampe ist aus Gold 9396.
9408. ein edel jachant granät
was diu lampade vile güt,
dorchlühtec röt als ein blüt.
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Er hat bei allen Beschreibungen soviel Licht und Farbe, daß ja
nach seinen eigenen Worten selbst die Blumen und das Gras dagegen
farblos erscheinen. Z. 12633 ff.
V. Die Minneauffassung Veldekes.
Die Minne steht durchaus im Mittelpunkt des Epos. In der
Schilderung zeigte es sich schon, daß Veldeke nicht mehr so sehr
das Rittermäßige mit seiner brutalen Kraft liebte. Die Dinge sah er
bereits mit einer verfeinerteren Haltung an. Eine neue Art von Ritter-
tum kommt herauf, das sich bei Festlichkeiten heimischer fühlt als
im Kampf, obwohl die Kampfschilderungen sich kaum von denen der
Vorgänger unterscheiden. Die persönliche Note Veldekes wird hier
noch verdeckt, aber in den Beziehungen vom Ich zum Du, in der
Minne, schlägt er doch eigene Wege ein. In den älteren Epen des
12 Jahrh. spielte sie fast keine Rolle. Bartsch sagt dazu in der
Einleitung zum Rolandslied (S.XVI): „Es ist ein eisernes Geschlecht,
diese Männer des Rolandsliedes, jeder weicheren Regung des Gefühls
fremd, nur erfüllt von dem einen glühenden Glaubenseifer, in der
Gottesliebe geht jede andere Liebesempfindung auf.“ In der Eneide
ist das anders geworden. Die Menschen machen sich Gedanken über
die Minne, aus der allgemeinen Bindung der Gottesliebe wachsen sie
in persönliche Selbständigkeit hinauf. An die Stelle der Gottesminne
tritt die Minne zwischen Personen. Sie ist bereits solche Macht ge-
worden, daß man sie im höchsten Liebesleid zu bannen sucht, entweder
durch Personifikation oder durch Anrufen der Liebesgötter (s.Z. 1354 f£f.).
Es ist auch nicht zufällig, daß Veldeke nur die Minne personifiziert,
die er koninginne nennt und die ihm mit Venus identisch ist. Eneas
nennt sich Sohn der Minne Z. 11155. Sonst liebt er nie ausgeführte
Personifikationen, die von der Fama, vom Alter, von der Furcht und
Krankheit streicht er (s. Behaghel S. CXLIV); auch Fortuna wird nur
einfach mit dem Namen genannt (s. Roetteken S. 79/80). Die Eneide
besteht nun aus zwei Liebesperioden, die innerlich wohl zusammen-
gehören, aber in ihrer Art verschieden sind. Es sind die Dido- und
die Laviniaepisode.
1. Die Didoepisode.
Sie zeigt uns eine einseitige Liebe. Nur Dido liebt Eneas, nicht
umgekehrt. Die Minne der Dido entsteht auf die übliche Art von
außen. Frau Venus rührt Ascanius vor seiner Fahrt zu Dido
803. mit ir füre an sinen munt.
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Wer ihn zum ersten Male küßt, wird von der Minne gepackt.
Dies tut Dido:
824. des wart si zü der stunt vaste bestricket,
in ir wart erquicket der minnen für vile heiz.
Das Merkwürdige ist jetzt, daß Dido wohl Ascanius geküßt hat,
aber Eneas liebt, also einen andern. In der frz. Vorlage ist das
besser motiviert, indem nämlich Ascanius zuerst Eneas und dann
Dido küßt Z. 815—20, bei Dido wirkt nur der Kuß besser, denn
c'est Dido ki plus fole esteit. Sie liebt infolgedessen einseitig. Die
gegenseitige Liebe fehlt. Dido sieht wohl Eneas mit freundlichen
Augen an 1305, er hat aber dafür keinen Sinn, er will lieber ruhen
1310. Beide stehen sich gegensätzlich gegenüber. Wie unbeteiligt
Eneas ist, zeigt die Tatsache, daß Veldeke nach der Liebesvereinigung
im Walde nur von Dido und ihren Qualen spricht und in der höchsten
Liebesnot der Dido denkt Eneas an Abreise:
1613. Eneas der märe swie wol sö her wäre
enphangen unde geret, her hete sö geköret
sin herze unde sinen müt,
daz her dorch dehein güt
iemer dä niht belibe
noch der eren sich verscribe.
|
zu Italjen in daz lant.
dä hine was sin wille,
des gesweich her aber stille.
Deshalb ist auch die folgende Stelle nur Phrase von Eneas. Dido
merkt seine Abschiedsvorbereitungen und macht ihm jetzt allerlei
Vorwürfe. Da bedankt er sich für die „minne unde trouwe“:
2058. ich engewan noch nie
deheines wibes kunde,
an der ich mer funde
minne unde trouwe
des is, liebiu frouwe,
mime herzen vil leide,
daz ich von ü scheide.
Etwas später sagt er allerdings nur noch:
2096. — — dorch die grözen trouwe,
die ir mir habet bescheinet.
Eneas kann Dido überhaupt nicht lieben, da er niemals über die
Wesensart der Geliebten nachgedacht hat, dies gehört aber zur wahren
Minne. Nur einmal erwacht die Sinnlichkeit bei ihm, in der Liebes-
szene im Walde. Er hilft dort der Dido vom Pferde:
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1830. dö müste daz werden,
des lange gegeret was.
dö nam der höre Ensas
die frouwen under sin gewant.
wol geschaffen her si vant.
her begreif sie mit den armen.
do begunde ime erwarmen
al sin fleisch und sin blüt.
Diese am Körper erwachende Sinnlichkeit gehört nicht zur
rechten Minne. Sinnlichkeit hat überhaupt nichts am Hofe der Liebe
zu suchen. Wahre Liebe ist Geburt des Herzens und der Augen und
dann ist sie auch andauernd. Die einmal entstandene Glut wird
immer mehr angefacht. Bei Eneas aber verlöscht diese rein körper-
liche Sinnlichkeit wieder, und nach der Szene im Walde erfahren
wir nichts mehr über ihn. Dido entwickelt sich gegen ihn, sie kommt
aus einem gewissen Schwebezustand nicht heraus. Es tut ihr wohl,
wider ihn zu sprechen:
1233. ir tete vile baz,
daz si zi ime saz
unde si wider in sprach,
daz was ir möre gemach
dan si üf eime bette läge...
Sie will weggehen und Eneas allein lassen. Sie kann nicht aufstehen,
und als ihr Eneas dabei behilflich ist, da ist es ihr
1254. vil aneminne
und etwas später sind ihr alle Dinge
1340. widerfüch.
In ihrem Gemüt herrscht immer eine gewisse Gespanntheit der Ge-
fühle. Als sie in den Wald reiten will, ist sie froh und doch quält
sie die Minne:
1787. Frou Didö was des vil gemeit,
daz der here Eneas bi ir reit
und 1792. ir herze daz was milde
von des hören minnen,
trotzdem |
1798. diu minne dwanc si sere.
Sie kommt ihr auch
1335. ze unsanft ane.
Im Roman d’Eneas fehlt diese Gegensätzlichkeit, da steht ganz ein-
fach, daß sie
1502. por s’amor ert en grant peine.
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Und in diesem Schwebezustand bleibt auch Dido trotz der Versicherung
Veldekes, daß rechte Minne Wunden schlägt und heilt:
1888. daz is der rehten minnen art.
ez is genügen wole kunt,
swen si rehte machet wunt,
sal her iemer wol genesen,
daz müz mit ir helfe wesen.
Im allgemeinen ist ihr die Minne „unsinne“, sie ist wohl gesund,
aber auch krank dabei:
1460. „swester, ich bin al gesunt
unde enmach doch niht genesen.*
„swester, wie mach daz wesen?
ich wäne, frowe, ez is minne.“
„ja, ja, swester, mit unsinne,“
Die Zwiespältigkeit fehlt im Roman d’Eneas; ihre Schwester fragt
1274. — Quei avez donc? —
und sie antwortet:
„Falt me li cuer, nel puis celer, jo aim.
Zwischen den zwei Polen des Befriedigtseins und des Unbefriedigt-
seins wird Dido hin und her geworfen. Selbst nach der Liebesszene
im Walde wird ihre Unruhe nur gedämpft. Sie ist ruhig, froh und
doch wieder unfroh:
1873. Dö was diu frouwe Didö
beidiu rouwich unde frö.
und was iedoch des unfrö,
daz si sö schiere alsö
sınen willen getete dorch sö wenige bete
und etwas später
1893, Ir was gesenftet ein teil,
iedoch enwas niht heil
diu wunde von der strälen,
Ruhe gibt es nicht. Ein Zustand wird durch den entgegen-
gesetzten abgelöst. Die einseitige Bannung des Gefühls gelingt Veldeke
nicht. Das Neue ist, daß die Liebenden nicht einfach sehnsüchtig,
begeistert, traurig oder froh sind und die Liebe tut auch nicht bloß
kalt und heiß usw., sondern durch sie werden schon innere Gemüts-
erregungen ausgedrückt. Diesen Gemütszustand suchte Veldeke nicht
durch die Sprache zwischen zwei Pole zu spannen: kalt und heiß,
sondern er suchte auch in der Sprache den Schwebezustand auszu-
drücken. Es ist dieselbe Art der Liebe, von der Goethe einmal in
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einem Briefe vom 27. Juni 1770*) an Katharina Fabricius, kurze
Zeit vor der Leidenschaft zu Friederike Brion, spricht:
Wenn ich Liebe sage, so versteh ich die wiegende Empfindung,
in der unser Herz schwimmt, immer auf Einem Fleck sich hin und
her bewegt, wenn irgend ein Reitz es aus der gewöhnlichen Bahn der
Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukel-
pferde, immer in Bewegung, immer in Arbeit, und nimmer vom Fleck.
Der Parallelstelle im frz. Text fehlt natürlich wieder diese Ge-
spanntheit. Dido macht sich hier noch gar keine Gedanken, sie ist
nach der Liebesszene freudig und betört ihr inneres Gewissen, in-
dem sie sagt „qu’ele est s’espose:“ |
1530. H s’en retornent a Cartage.
Ele demeine joie grant,
nel ceile mais ne tant ne quant,
molt s’en faiseit liee et joiose;
ele diseit qu’ele est s’espose,
ainsi covreit sa felonie.
Das Innere ist der frz. Dido noch verschlossen. Bei Veldeke
aber unterhalten sich Dido und ihre Schwester über die Minne. Dido
fragt sich, wie sie Eneas ihre Minne mitteilen könne; sie wagt es nicht
1650. si hete gerne gesehen,
daz her des gerüchte,
daz hers an si süchte.
Bevor sich Dido ersticht, schreibt sie sich allein alle Schuld zu:
2356. ichn wil üch niht schelden,
wande ir sit es äne scholt,
ir wäret mir genüch holt,
ich minnete üch zunmäzen.
Die frz. Dido aber kommt nie zu dieser reflektierenden Haltung, sie
schiebt Eneas die Schuld zu, er hat sie verspottet Z. 1977. und
dann klagt sie:
1979. De lui n’avrai ge mais confort,
nel verrai mais, ce m’cst avis,
ne vendra mais en cest pais.
Sie bleibt also ganz äußerlich, Eneas war ihr Mittel, sich die Lange-
weile zu vertreiben. Er war von hoher Geburt „et de celestiöl lignage“
Z. 1286. und Anna sagte ihr, daß sie durch ihn Macht erlangen
würde. In der Nacht nach seiner Ankunft denkt Dido an ihn, sie
sieht ihn körperlich vor sich, ganz scharf.
*) Der junge Goethe, herausg. von Max Morris, Leipzig 1910, II. Bd. 8.6.
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1225. son vis, son cors et sa figure,
ses diz, ses faiz, sa parleure
und als sie nach dem Namen ihres Geliebten gefragt wird, kann sie
mit voller Sicherheit sagen:
1282. ce est li Troiens vasals.
Es besteht also im frz. Text eine körperliche Beziehung zwischen
Dido und Eneas. Diese unterdrückt Veldeke, bei ihm geht die Minne
nicht nur durch das Auge, sondern auch durch das Herz und des-
halb gibt Dido nicht den Namen an mit der Sicherheit der frz. Dido.
Es tut ihr weh, ihn zu nennen und dann erscheint er in Fetzen aufgelöst :
1523. ich müz ü sagen sinen namen
swie sere sö ich mich schamen.
daz nennen tüt mir vile we.
her heizet, „sprach si, der E
und dar näch NE“ uber lank,
alsö sie diu minne dwank,
& si vollespräche AS.
Die Didoszene endet damit, daß sie sich ersticht. Anschließend
folgt die Lehre
2422. al wäre si ein wise wib,
sie was dö vil sinne lös.
daz sie den töt alsö kös,
daz quam von unsinne.
ez was unrehtiu minne.
Ihre Schwester Anna wiederholt noch einmal etwas später:
2466. daz quam von unsinne.
ir mindet in zunmäzen:
dorch daz habt ir verläzen
üwern lib und gröze öre.
2. Die Laviniaepisode.
Das Wesen der Minne bestand im ersten Teil in der Einseitig-
keit, es war „unrehtiu minne“. Die beiden Liebenden entwickelten
sich gegeneinander. In der Laviniaepisode kommt nach dem anfäng-
lichen Hin- und Herschwanken ein klarer Schein zum Durchbruch.
Eneas und Lavinia erleben jetzt gemeinsam allen Liebesschmerz durch
und können sich deshalb auch aneinander entwickeln. Nach der
herkömmlichen Art kommt die Liebe von außen. Sie beginnt dadurch,
daß Amor den Schuß abgibt, als sich Lavinia und Eneas in die
Augen schauen. Lavinia erhält von Frau Venus den Liebesschuß,
als sie auf der Burg steht und Eneas am Festungsgraben sieht:
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9876. dö schöz si frouwe Vönüs
mit einer scharphen sträle.
Ebenso ergeht es Eneas, der vor die Burg reitet und Lavinia am
Fenster findet:
10778. ir antluzze her besach,
daz alsö minnechlich was.
dö markte Eneäs
ir ougen unde ir munt:
dö schöz in Amör sä ze stunt
mit dem goldinen gere eine wunden söre.
Die Liebe kann jetzt von zwei Seiten wachsen. Lavinia läßt Eneas
einen Brief hinüberschießen und da geschieht das, was Dido immer
erwartet hatte:
10754. des im sin herze wart al beweget
10762. do begonder sich versinnen
und jetzt kann auch erst ein rechtes Minneverhältnis entstehen, nach-
dem Herz und Sinn verwandelt sind:
10930. ich wände min herze wär sö vast
gesigelet mit solhem sinne. —
nü is verwandelet min sin.
Schon vorher freut er sich:
10765. wand in sin herze erlühtet was,
es ist nicht mehr wie Dido sagte 2219 äne minnen oder 2227 steinen.
Er denkt auch, genau wie Lavinia, über das Wesen der Geliebten
nach, und solche gegenseitige Minne muß zum glücklichen Ende führen
trotz alles Ungemachs vorher, Die Minnekrankheit ist dieselbe wie
bei Dido:
9884. want si bran und si frös
in vil korzen stunden;
9890. sie wart unmäzen heiz
unde darnäch schiere sal.
wande si unsanfte qual,
si switzete unde bebete
unsanfte sie lebete,
sie wart bleich und röt.
Die Minne selber ist
9919. daz freisliche ungemach und
10039. wie senfte sie wäre.
10043. dise unsenfte swäre.
Im Roman d’Eneas steht dafür nur:
8097. Ge cuit, mien esciönt, jo aim.
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Diese Spannung senfte — unsenfte und vorher in der Didoepisode
fehlt im frz. Text. Veldeke läßt aber auch die gewöhnlichen Pole:
kalt und heiß, bleich und rot usw. nicht als feste Punkte bestehen.
Er spannt die Minne nicht in feste Grenzen und deshalb ist Dido
dem Eneas nicht nur holt, sondern
845. — — unmäzlichen holt,
wande si gröze undolt in ir herzen verhal.
Sie leidet auch vil michele nöt und 856. ungemach gröz. An den
eigentlichen Liebesstellen finden sich dann kennzeichnenderweise sehr
viele Wortbildungen mit der Vorsilbe un-; diese Worte werden sehr
oft noch durch vil, gröz, michel u. a. gesteigert Sie fassen den
Gemütszustand nicht völlig und deshalb sucht man die Worte immer
mehr zu steigern.
1980. frouwe Didö was vile unfrö.
2048. diu clage tüt unmäzen we. Dido muß
2169. vil unfrölichen leben, da ihre Minne
2397. ungehüre ist. Sie ist
2382. zunsanfte uberladen, sitzt auch
2014. unsanfte bei Eneas, der ihr
2438. zunheile geboren wurde, weil sie ihn
2467. zunmäzen liebte.
1381. si leit michel ungemach, do. Z. 1443.
2076. gröz ungemach.
Am häufigsten findet sich vile unfrö Z. 1980, 2002, 2169, 2361,
2363, 2456 u. ö. Dieselbe Art der Übersteigerung findet sich in
der Laviniaepisode. Ihr ist es
9890. unmäzen heiz, wande si unsanfte qual,
unsanfte si lebete. Sie liebt Eneas
9987. zunmäzen und
9991. diu starke minne bringt sie
9992. üzer sinne. Venus hat sie
9997. unsanfte verwunt und ihr wird nun
9999. der starken minne ungemach kund. Sie ist
10009. dem Troiär alze holt und die Minne ist
9919. daz freisliche ungemach oder die
10043. unsenfte swäre. Sie ist Eneas
11211. von herzen holt und doch
11227. ir herzen was we. Lavinia sagt selbst
11264. ich bin im üzer mäzen
beidiu holt unde gram.
Die Zahl der Beispiele ließe sich noch vergrößern. Das Entscheidende
ist nur, daß Lavinia nicht in dieser dumpfen Zerrissenheit zu beharren
Wittkopp 4 41
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braucht. Einmal findet sie an Eneas eine Stütze, der dieselben
Qualen wie sie durchmachen muß; und dann weiß sie nach der
Minnelehre ihrer Mutter, daß der Minnen ungemach süze ist 2.9705 und
9713. rüwe kumt näch ungemache.
Ferner kann sie Wonne und Ungemach scheiden, während Dido im
letzteren stecken blieb. Lavinia und Eneas müssen die Minnekrank-
heit und die Minnezweifel gemeinsam auskosten. Als nämlich Eneas
nach der Besiegung des Turnus nicht gleich zu ihr kommt, packt
sie der Zweifel:
12470. si sprach „wie füget sich diz sö,
daz der edele Troiän
sus ungefüchlich hät getän,
daz her mich niene gesiht ?
desn getrouwetich im niht,
ob sin dink wole quäme,
daz her min niht war näme.
Aber auch Eneas läßt die Minne während der Nacht nicht schlafen:
12508. diu Minne liez im ir maht
vil unsanfte schinen,
wander fröwen Lavinen
des äbendes niht hete gesehen.
.... Lavinen ...
12514. diu mir allez ungemach
ze gütem ende habet braht.
Die Episode endet zum Schluß glücklich:
12703. „mir is vil wol (sprach Enöas)
gesenftet, dä mir w6 was
die wile daz ich üch vermeit“.
Schon vorher sagt er
11125. sälich si diu Minne
und sie gibt ungeheure Kraft.
Zur Gegensätzlichkeit der Wortwahl könnte man den Einwand
erheben, daß sie gar nicht Veldekes Eigentum ist, sondern daß er
hier schon mehrere Vorgänger gehabt hat. Man hat ja gerade daraus
z. B. Eilhart und Veldeke von einander ableiten wollen (Knieschek,
Behaghel, Felix und van Dame haben darüber geschrieben). Im
Alexander haben wir z. B. folgende Antithesen:
4906. leit und lieb (der Brief); do.6590. Das Wasser ist
4962. bitter und süze und güt. Die Mädchen sind
5217. beide cleine unde gröz. Skorpionen sind
4980. beide wiz unde röt und das Heer wird ein-
mal 4022. bleich und röt. Die Boten des Darius scheiden
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nach einer nutzlosen Fahrt
583. trürig unde unfrö und frö.
Weitere Beispiele Z. 2050; 2103; 4139; 4175; 4907; 4962/64; 4980;
6140; 6590; 6799. Auch Veldeke hat alle diese Antithesen noch
(Beispiele bei Roetteken), aber darin weicht er von seinen Vorgängern
ab, daß er mit Hilfe der Antithese einen neuen Lebenszweig hinzu-
erobert, die Minne Dazu finden sich bei Eilhart bereits Ansätze;
es handelt sich aber um Stellen, deren Urheberschaft von einigen
angezweifelt wird und die als spätere Einschiebsel erklärt werden
von irgend jemand, der Eilhart wieder modern machen wollte; das
ist die Ansicht von Knieschek, Behaghel und Felix; van Dame hin-
gegen schreibt die Stellen als original dem Dichter Eilhart zu. Die
Antithesen sind jedenfalls bei Eilhart sehr allgemein gehalten und
dann sind sie auch nicht durch die innere Zerrissenheit der Personen
bestimmt. Tristrant und Isolde lieben sich, sie werden
2363. beide bleich unde röt.
2377. sie wordin heiz unde kalt.
Isalde hat von der Liebe gehört
2461. daz si sanfte und süze were,
Sie fühlt in der Minnekrankheit, wie sie abwechselnd heiß und kalt
wird Z. 2497 ff. Von der Minne selber wird uns gesagt, daß sie lehrt:
2447. ...., uns hat die Minne
gelöret solche sinne
daz wir an in gedenken:
nu en turre wir sie nicht krenken
mit deheiner slachte sinne,
Die Minne tut weh:
2454. des en häte ich ni keinen wän,
daz sie töte alsö rechte we.
Die Minne tut sanft und süß:
2458. von ir mir liep unde güt
dicke vil gesaget is:
ja was ich arme des gewis,
daz sie sanfte und süze were.
nu is sie mir leidir worden swöre.
unde als ein ezzich sür,
Die seelischen Vorgänge und die inneren Spannungen gerade in der
Minne drückt Eilhart also nicht antithetisch aus. Seine Antithesen
bleiben in der äußeren Sphäre stecken. Er hat statt der inneren
seelischen Beziehungen viel mehr Sınn für die recht bunten und
zweifelhaften Erzählungen, die wild durcheinander gewirbelt werden
oder an den Verwicklungen, die sich den beiden Liebenden immer
4* 43
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wieder entgegenstellen. Die Minne selber entsteht durch einen Zauber-
trank und der enthebt Tristrant jeder sittlichen Verantwortung. Für
die Beteiligten bleibt die Minne durchaus etwas Äußeres, erst Veldeke
verlegt sie in die Personen.
Hartmann ist bereits über die Gegensätzlichkeit der Minne hinweg.
Die Züge körperlicher Wirkung, wie das Schwitzen, der Mangel an
Durst usw. fehlen völlig. Sie ist bei ihm vergeistigt. Leib und
Seele werden nicht mehr zerstört wie in der Didoepisode, sondern
die Seele spornt den Leib zu mutigem und männlichem Handeln an.
Hartmann steht völlig jenseits der Hemmungen Veldekes:
Erec 3701. und g&be se niht sö richen muot,
son wre der werlt niht sö guot
noch sö rehte wage, sö ob man ir verphlage.
Er weiß auch sehr genau, daß jedem sein Lohn bereitet wird, der
ehrlich mit ihr ringt:
3708. swer aber ir geswislichen
ze rehte kunde gephlegen,
den lieze si niht under wegen,
im war der lön von ir bereit
daz in sin arbeit niht endorfte riuwen.
Und bei Gottfried ist endlich die Minne nicht mehr die dunkle Macht,
die man im höchsten Leid zu bannen sucht, sondern im Tristrant
teilen Riwalin und Blanscheflür ihr Herz einmütiglich und völlig gleich.
Die Minne ist keine unsenfte swäre mehr wie bei Veldeke, sondern
es ist
Fr. 913. diu süeze minne geworden.
927. diu rehte minne, diu wäre finrsrinne
und die Minnekrankheit ist
1070. der süeze herzesmerze.
VL Die Syntax.
Roetteken hat die Syntax Veldekes sehr eingehend untersucht,
so daß ich mich im allgemeinen auf einige charakteristische Fälle
beschränken kann. Auf der einen Seite hat Veldeke den damals
üblichen parataktischen Stil, daneben aber hat er auch vollkommen
selbständige Satzbauart.e Die Beschreibung der Sibille zeigt z.B.
völlige Parataxe:
2717. grüwelich was ir lib.
ime enwart nie dehein wib
alsö wunderliche kunt.
swarz und kalt was ir der munt.
44
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die zene stunden ir dunne
und wären ir lank unde gele.
ir was der hals und diu kele
swarz unde gerumphen.
si selbe was gescrumphen
in böseme gewande ...
Weitere Beispiele Z. 3194 ff., 2930 ff. Bisweilen wird die Parataxe
noch durch paarweise Ausdrücke verstärkt.
2932. — do gesägen si lüte äne zal,
die weinden unde liefen,
si scriwen unde riefen,
beidiu man unde wib.
naket was aller ir lib.
si liefen vor unde wider
daz wazzer üf unde nider ...
Weitere Beispiele Z. 2942; 3041; 7736; 3184; 2930; 7340/98;
6380/6406; 7479 ft.
Ein sehr gutes Beispiel des parataktischen Satzbaues ist die
Beschreibung des Höllenhundes:
3194. her hete driu houbet
gröz und egisliche.
her sach sö freisliche,
im was diu porte bevolen.
sin ougen glüten sam die kolen,
daz füre im üz dem munde flouch
3210. her was rüch betalle, — —
sin lib was im bewassen al
mit nateren und mit slangen,
mit korzen und mit langen,
mit grözen und mit kleinen,
an armen unde an beinen,
an handen unde an füzen.
Dem Bestreben, die Sätze parataktisch nebeneinanderzureihen, so daß
sie allein durch den Sinn verbunden sind, steht das andere entgegen,
die Sätze zu binden. Diese Bindung erfolgt nun nicht so sehr durch
Konjunktionen, sondern gewissermaßen von einer Mitte aus, durch
Worte. Zu diesem Worte ziehlen schon vorher Fürwörter und am
Ende solcher Periode setzt Veldeke gewöhnlich noch einen festen
Balken darunter, indem er dasselbe Verb wiederholt.
69. sine frunt her zü im nam,
sine mäge und sine man,
mit in her sprechen began
45
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der herzoge En£as,
her sagete in daz dä wär was
unde waz im was enboten
und gewissaget von den goten,
daz sageter sinen holden,
die sich dä weren wolden
daz si alle töt müsten sin.
Die Mitte „der herzoge Enöas“ wird also vorher durch das
persönliche Fürwort zweimal angedeutet und schließt dadurch die
völlig parataktischen Sätze vorher zusammen. Das Fürwort wird
durch sagete erweitert und diese Verbindung schließt in umgekehrter
Folge die Periode ab: sageter. Eine ähnliche Art zeigt sich
3272. Eneas der here
micheln jämer ir gewan
dö her merken began —
dö her daz Wunder dö vernam
unde vore baz quam,
Eneas der wigant
michel here her dö vant.
Ferner Z. 129£.; 552f£.; 526 ff.
Einer größeren Periode verleiht man Festigkeit und Halt, indem
man das Bestimmungswort an das Ende setzt. Die Periode erhält
so eine durchaus geschlossene Form.
222. dö daz Eneas gesach
daz sich daz mere slihte,
sin houbet her üf rihte
der wol gelobete wigant.
Die erste Periode erhält durch eine längere Bestimmung des Wortes
„Eneas® ihren Abschluß. Der Zusammenhang mit der nächsten
Periode wird durch „gesach“ hergestellt. Dies Wort wird durch
„daz lant“ erweitert und damit schließt die zweite Periode wieder.
Merkwürdig ist der starke Abschluß am Ende einer Periode:
her gesach von Libia da2 lant
und die berge vile hö.
)
233. daz si ze lande quämen
und die habe dä nämen
|
242. unz si quämen ze lande.
Eine ähnliche Art der Bindung findet sich im nächsten Beispiel:
2988 ff. dö gesach der Anchises son
daz im seltsäne was.
46
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der märe helt En£as
gesach ein schif dar uber gän,
swarz und ubile getän, —
dar inne gesach der helt balt
einen egeslichen vere —
3022, dö daz Eneas gesach,
dö fragete der Troüre....
Weitere Beispiele Z. 2625ff.; 193; 856; 2259; 2319/22/25/27.
Für Veldekes Arbeitsweise ist es überhaupt sehr charakteristisch,
daß die Konjunktionen, ausgenommen dö, keine rechte Rolle spielen.
Er bindet die Sätze, indem er einige Worte als feste Pfeiler hinsetzt.
Die Sätze werden so ineinander verklammert und geben den Perioden
außerdem noch ruhende Punkte. Ich möchte wieder nur einige be-
sonders auffällige Beispiele herausheben. Von Z. 75557604 wird
das Wort „Turous“ angespielt:
Turnüs Ebenso Z. 7618—7695
Turnüs der heilt küne Turnüs
Turnüs der riche Turnüs
Turnüs der helt nase
Turnüm den herzogen der helt riche
Turnüs der helt balt der helt balt
der heit snel Turnüs
der ran Turnus. Turnüs der heit lussam.
Diese Kernworte geben dem Satzgefüge ein sicheres Gerippe;
um sie gruppiert sich alles übrige. Andererseits geben sie dem Satz-
gefüge etwas Fließendes, ein Wort weist auf das andere hin. Bei-
spiele dieser Art sind gerade sehr häufig: Z. 7340, 7355, 7357, 7392,
1372, 7398, 7527, 7530, 7534, 7541, 7552, 7556, 7559, 7745,
17825, 7841, 7845.
7918. Eneas 7919. Pallantem dem werden
7926. Enöas der riche 7933. Der junge kunich Pallas
7953. der Troiäre Eneas 7946. der edele Töte,
7963. den edelen Troiäne Pallas sin geselle
7970. Ene&as 7948. Pallantem den jungelink
71973. En&as der riche 7975. sin lieben vehtgenöz
8000. En&as der höre 7979. edel ritter Pallas.
8041. Enöas
47
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8049.
8132.
8369.
8374.
9091.
9221.
9228.
9252.
9305.
9309.
8051.
8069.
8084.
8089.
8102.
8108.
8114.
8127.
8151.
8218.
Eneas der milde
Enöas der Troiän
En&as der wigant
Enöas ir höre.
diu Frouwe
Kamille
Kamille der richen
Kamille, schönez bilde,
reiniu maget
Kamille diu riche
Kamille diu werde
der junge kunich Pallas
der junge Pallas
schöner sun Pallas
lieber sun junge
Pallas lieber sun min
lieber sun Pallas
einiger sun min
Pallas, lieber sun
liebez kint
der junge degen der
märe helt Pallas
9061.
9071.
9078.
9089.
9321.
9356.
9348.
9374.
9413.
8223.
8243.
8251.
8263.
8284.
8321.
8339.
8344,
8357.
Kamille diu werde
diu frouwe
diu kuniginne riche
Kamille diu höre maget.
Kamille
Kamille, der edelen
kuneginne
Frouwe Kamille
Frouwe Kamille, diu
märe und diu riche
Kamille diu riche.
Pallas
Pallas der starke
Pallas der küne
der helt Pallas
des kuneges sun Pallas
Pallas
der junge kunich Pallas
Pallas
der höre Pallas.
In den bisher angeführten Beispielen war das Substantiv
gewissermaßen die Mitte, um die sich alles übrige gruppierte.
In
der häufigen Wiederholung desselben erhielten die Perioden auch
eine Festigkeit.
übernehmen.
und Ende einer Periode dasselbe Verb:
858. si leit vil michele nöl.
si wart röt, dar näch schiere varlös:
ir was heiz und si frös.
si was von minnen alsö wunt;
sine weste sich war kören
st leit michel arbeit.
48
660,
666.
|
dö si alle wären gereit
Die Stelle des Substantivs kann auch das Verb
In der einfachsten Form erscheint dann am Anfang
oder:
vil wol si sich gereiten
mit hörlichem gewande
sö ez heren wol gezam
|
673. die (ritter) wären ime alle gereit.
Google
Das Verb dient hier zum Abschluß einer Periode In den
folgenden Beispielen steht es mehr innerhalb des Satzgefüges; die
Sätze werden durch diese Art parallel aneinandergefügt und sind
eigentlich nur nach unten gebunden durch Beibehaltung desselben Verbs:
4145. dö sprach si mit zorne
|
4159. sie sprach mir is zoren:...
4199. Aber sprach diu kuneginne usw.
Weitere Beispiele finden sich Z. 1444, 1454, 1456; 1487, 1488,
1491, 1517, 1519, 1521, 1526, 1531, 1532; 1549, 1559, 1571,
1582, 1600; 3997, 4005, 4014; 4245, 4283; 4390, 4417, 4458,
Die größte Rolle spielt „sprach“:
1927, 1932, 1936, 1940, 1943, 1947 gespräch, 1444, 1454,
1456, 1487, 1488 sprechet, 1491, 1517, 1519, 1521, 1526, 1531,
1532 sprechet, 1549, 1559, 1571, 1582, 1600; 2045, 2065, 2095,
2109, 2135, 2150, 2161, 2173, 2254, 2287, 2322, 2350, 2391,
2418, 2438, 2455, 2540, 2559, 2586, 2605, 2611, 2749, 2768,
2900, 2923, 3025, 3105, 3069, 3067, 3046, 3155. 3164, 3181,
3369, 3459, 3772, 3786, 3788, 4963, 4965 spriches, 4981, 5291,
6299, 5317, 5344, 5382, 5383, 5433; 5850, 5862, 5877, 5889,
5927, 5939, 5956; 6088, 6099, 6108, 6154; 8403, 8486, 8489,
8553, 8576, 8581, 8634, 8667, 8685; 9428, 9433, 9453, 9497,
9661 usw.
quämen: 274, 279; 976, 989, 990; 4512, 4515, 4578, 4618,
6620, 4654, 4988, 4994; 5012, 5018, 5032, 5052, 5070, 5076,
4064, 5102, 5104, 5113, 5108; 5994; 6020, 6024, 6047, 6065,
5080; 6243, 6251; 6610, 6622, 6654, 6656, 6686, 6700, 6705;
6871, 9899.
lusssam: 702, 703, 5054, 5078, 5100, 5107, 5173; 5993,
6048, 6079, 9872, 9900, 9936, 10557, 10607, 10665, 10686.
sach, gesach: 709, 714, 719; 1176, 1195, 1213, 1289; 1804,
2962, 2985, 2988, 2991, 2994, 3065, 3137, 3139.
gröz: 1109, 1120, 1169, 1153, 1156, 1164.
borch: 1182, 1189, 1193, 1204, 1214; 5331, 5370, 5377,
5427, 5468, 5483.
bette: 1259, 1262, 1269, 1279; 1321, 1325, 1338, 1352.
du sält: 2556, 2569, 2580. 2585, 2594, 2595, 2599.
Manchmal dienen sogar Sätze dazu, die Perioden parallel von-
einander abzutrennen:
2540. Eneäs, sprach her, sun min. Derselbe Satz kehrt 2.2559,
2586, 2605, 2611; 3580, 3593, 3661, 3679, 3681, 3689 und öfter
49
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wieder. Auch das folgende Beispiel zeigt die eigenartige parallele
Satzfügung:
482. uns hät harde gerret
unsanfte tormint.
uns hät weter unde wint
misseliche getriben ;
uns ist daz leben küme bliben
vor des meres unden.
Die einzelnen Sätze stehen völlig parallel nebeneinander. Die
Gleichmäßigkeit wird noch dadurch erhöht, daß die Sätze durch dieselben
Worte eingeleitet werden. Weitere Beispiele:
2643. dö dem hören diu vart (1)
zü der helle geboten wart,
daz duhte in vile freissam.,
dö her des morgens üf quam (2)
under sin heimliche man,
mit in her sprechen began.
dö saget der here Em£as (3)
al daz ime enboten was
sinen hergesellen.
Die Perioden sind parallel aneinandergefügt durch dö und werden
erst durch „her“ und „der höre Enöas“ gebunden. Im nächsten
Beispiel wird diese Bindung von mehreren Perioden durch Wieder-
holung des Verbs hergestellt:
7326. dö gemischeten sich die scharen
|
dö gieng ez an daz striten.
dö wart dä manech gröz slach
|
wart dö michel gedrank.
da worden die schilde und die helme verscröten.
|
da wart blütich manech forch.
Das Kernstück liegt also in der Mitte. Ähnliche Beispiele finden
sich Z. 7411ff.;, 7736— 7745.
An dieser leichten Bauart der Satzkonstruktionen liegt es wohl
auch, daß die Perioden sehr oft durch eingeschobene Sätze, die meist
gefühlsbetonter Art sind, zerrissen werden. Die Eneide ist jedenfalls
besonders reich an solchen Beispielen:
104. do gesach der here Enöas
daz im vile leit was,
daz man daz lant wüste oder:
50
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182.
si erscheinde im zeinem mäle
unsanfte ire maht
dri tage und dri naht.
Ferner Z. 251; 325; 375; 474; 908; 962/63; 1110/11; 2649/51.
Sehr oft wird auch das Attribut durch solchen eingeschobenen Satz
von einem Substantiv getrennt:
714.
885.
gesach en beiden siten
magede unde frouwen,
die in wolden schouwen,
gezieret unde gebunden oder:
wand ir der here Emeas
ein vil lieber gast was
und alle sine gesellen.
2478. ritter unde frouwen
1038,
weinden vile söre,
den si güt und öre
dä bevoren hete getän.
— done was under al dem here
nieman alsö helfelös,
dö man mich dar üz erkös.
Dö-Konstruktionen.
Die dö-Konstruktionen spielen bei Veldeke eine besondere Rolle.
In einigen schon angeführten Beispielen fügte dö die Sätze parallel
nebeneinander. Es
Beispiele bringe, möchte ich noch etwas zur Übersetzungstechnik
Veldekes einfügen, das damit in einem gewissen Zusammenhang
steht. Im allgemeinen gibt nämlich Veldeke fast nie ein Wort aus
der frz. Vorlage nackt wieder, sondern er stellt noch eine Bestim-
mung dazu; ich greife nur einige Beispiele heraus:
erfüllt noch andere Aufgaben. Ehe ich hierfür
1. Menelax 2. kunich Menelax
781. Ascaniüs 801. der jungelink Ascänjüs.
2580. La prestresse 3247. Sibille diu wise,
2603. Cerberus 3254. Cerberus der arge
2621. Eneas 3281. Enöas der wigant
4085. Camille 5261. Camille diu riche
6403. la corone 8202, ein goldine kröne
1070. dras 1006. güt gewant usw.
Zweireihige Erweiterungen:
2. Troie
3. Troien die richen
vil gewaldechlichen
51
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721. Dido 726. — frouwe Didö
diu märe und diu riche,
2937. Lavinia 3633. diu schöne Lavine
diu junge winje dine
4889. Turnus 6467. Turnüs der wigant
der helt küne unde gemeit.
5880. Le Troien 7772. — der Troiän
der junkhöre riche.
7859. Fille 9589. scöne Lävine,
liebiu tohter mine.
6907. Camille 8732. frou Kamille
diu märe und diu riche.
Dreireihige Erweiterungen:
2950. Romulus 8662. Romülüs
der märe und der riche
der vil gewaldechliche
7061. Tarcons, 8915. der ritter Tarcün
uns Troiens ein harde hobesch Troiän
unde ein ritter wolgetän.
7161. Chloreus 9004. der here Chöres
der Troiäre pröster
unde ir &we möster.
Veldeke setzt also das Wort fast nie allein hin, sondern er
umgibt es mit einer Anzahl von Bestimmungen. Ganz entsprechend
stellt er auch die Perioden nicht hart und fest nebeneinander wie
der Roman d’Eneas, sondern er rundet sie ab, stellt Beziehungen
zum Vorhergehenden her. Diese Aufgabe übernimmt im allgemeinen
dö. Im Roman d’Eneas steht z. B. ganz hart:
700. Molt s’apareilla bien de dras.
Bei Veldeke:
688. Dö was er näch sime site
gekleidet hörliche. En&as der riche
der was ein schöne man.
Im R. folgt:
701. et monta en un palefrei.
703. et chevalcha dreit vers Cartage.
Veldeke: 694. do reit der here Enöas
mit den sinen mannen
herliche dannen mit einer schönen schäre.
Der Roman d’Eneas setzt ein:
906. A un matin — — —
52
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Veldeke rundet ab und fügt noch einen Satz ein:
978. Als dö quam der morgen
unde lieht wart der tach.
Ebenso:
1445. A un matin — — —
1664. dö quam ir daz in ir müt
daz si des wart ze räte eines abendes späte.
Nach der Beschreibung der Inschrift an Didos Grab geht es im
R. ohne Zusammenhang mit dem Vorhergehenden weiter:
2145. Eneas est en halte mer.
Veldeke schiebt hier die Gedanken des Eneas über Didos Ende ein
und fährt dann fort:
2523. Dö was der höre dannen
gevaren mit sinen mannen
verre üf den höhen se.
Pallas wird eingeführt:
4654. Pallas, ki esteit fiz le rei.
V. 6044. dö hete der kunich märe
einen sun, der hiez Pallas.
Turnus hat Pallas erschlagen:
5753. Morz et — — —
Veldeke setzt nicht so rauh ein:
1527. Dö lach Pallas dä erslagen.
Oder:
5763. Turnus le vit mort devant sei,
un anel....
V. 7555. Dö Turnus gesach, daz der helt Pallas lach
und töt viel vor im an den sant,
ein vingerlin.....
Turnus hat Pallas getötet. Er wird dann durch einen Sturm
mit seinem Schiffe von dem Heere getrennt:
5796. la nes sen vfÄlt — — —
V. 7612. dö löste sich daz ankerseil
dä daz schif mit was gehaft.
In der Laviniaepisode wird erzählt, daß die Königin allein in
ihrer Kemenate sitzt. Der R. sagt da
En sa chambre esteit la reine.
Veldeke verknüpft:
9580. dö was diu kuniginne
eines äbendes späte in ir kemenäte — —
Diese Art läßt sich das ganze Buch hindurch verfolgen. Niemals
stellt Veldeke die Perioden hart und gedrängt nebeneinander wie
53
Google
der frz. Dichter. Er rundet ab durch dö, dabei füllt er die Perioden
noch auf, meist durch gefühlsbetonte Einschiebungen. Eneas wird
in der Unterwelt von seinem Vater empfangen. Der Frz. sagt ganz
kurz: |
2817. Avant ala, st vit son pere.
Veldeke knüpft durch dö an das Vorhergehende an und schiebt
noch ein:
3577. Dö her ze sinem vater gienk,
minnechliche er in enphienk
her hiez in willkomen sin.
Sehr charakteristisch für Veldeke ist das folgende Beispiel:
Eneas hat Boten zur Dido geschickt, diese kehren jetzt zu ihm
zurück:
644. contr'els ala et se or dd — —
Daraus macht Veldeke:
599. Ingegene in her dö gienk,
minnechliche her sie enphienk
mit frölichem müte,
dö ime die boten güte
nähen begunden. her sprach — —
Oder:
693. Eneas dist a ses barons.
V. 638. zü sinem volke er wider quam
frölich und offenbäre,
Weitere Beispiele Z. 5374/76; 5378/81; 9058 usw.
Das einfache dö diente bisher dazu, den Zusammenhang mit
dem Vorhergehenden herzustellen. Es kommt auch doppelt vor,
wobei das erste dö die Sätze gewissermaßen aufrollt, während das
zweite dö die Sätze wieder bindet:
R. 7026. Mesapus un enchalz lor fait
et Camille, ki o lui fu.
V. 8900. Dö Messäpüs mit dem van (1)
die Troiäre rande an
und Kamille diu maget
dö worden sie gejaget (2)
wole vier acker lank.
Daran schließen sich Perioden, die ganz lose und parallel ge-
fügt eine Kampfschilderung bringen:
8905. da wart michel gedrank
|
dä zehiewen sie die schilde
)
dä wart von dem blüte —
94
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Manchmal wird ein Satz aus der frz. Vorlage in solche langen dö-
Perioden aufgespalten:
4699. Pallas les a menez tot dreit
la o li reis ses pere esteit.
Bei Veldeke:
6077. Dö sagetez ime Pallas
und füurdin dä der kunich was,
Dö der helt lussam
vor den alden kunich quam
do enphieng in minnechliche
Evander der riche
dö sagete ime Endas —
dö der kunich daz vernam,
sin geslehte erkander
dö sprach der kunich Evander —
Ganz ähnlich ist es im nächsten Beispiel. Dabei wird sogar zwei-
mal dasselbe gesagt:
7136. Turnüs in die borch sprank
mit 50 heliden snelle siner hergesellen.
Dö Turnüs in der borch was,
dö beslöz der rise Bitias
daz tor hinder ime zö.
71148. dö was din porte zü getän,
Was Z. 7136 ausdrückt, wird durch dö nochmals aufgenommen.
Ebenso 7140 u. 7148.
Lavinia denkt des Nachts immer an Eneas:
8445. Molt traist la nuit mal la meschine.
Diesen Satz spaltet Veldeke wieder auf:
10331. Dö Lavine al die naht
mit dem leide alsus vaht,
daz ir diu varewe abe nam,
und sie des morgens üf quam,
dö was ez verre üf den tach,
und si ir müder besach,
daz si sö ubele was gevar,
dö wart si vile wole gewar —
Sie sieht vom Turm des Pallas aus Eneas:
8047. Lavine fu en lor tor sus,
d’une fenestre esguarda jus, vit Eneas lei fu desoz.
Veldeke bringt wieder erst eine Verbindung zum Vorhergehenden:
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9853. Dö gehabete En6as
engegen des kuneges palas
beide er und die sine
dö was din maget Lavine
gegangen üf ein palas hö
dö sach diu junkfrouwe her abe.
Zusammenfassung.
Vom äußeren Umfang ausgehend bezeichnete Firmery Veldekes
Eneide als Übersetzung des altfranzösischen Roman d’Eneas, deren
Charakter im allgemeinen in der Weitschweifigkeit bestünde. Sieht
man aber vom äußeren Umfang ab und vergleicht die beiden Texte
lediglich ihrem Gehalt nach, so sieht man erst die grundverschiedene
Art der beiden Dichter. Veldecke steht auf der Grenze zweier Kulturen
und übernimmt nicht einfach den frz. Text, sondern er deutscht ihn
ein und bildet ihn um. Im Roman d’Eneas herrscht im allgemeinen
das Hochrittertum mit einem ausgesprochenen Standesgefühl. Didos
Stellung wird so z.B, durch Vergleich mit Königen u. a. besonders
hervorgehoben, bei Veldeke ist sie einfach „frouwe Didö“. Aus ihrer
höfisch-ritterlichen Welt heraus sieht sie an Eneas lauter ritterliche
Eigenschaften neben der äußeren Erscheinung:
1225. son vis, sou cors et sa figure
ses diz, ses faiz, sa parleüre
und an einer anderen Stelle ist Eneas 1282, li Troiens vasals, mit
dem sich niemand an Reichtum, Geburt und Tapferkeit vergleichen
kann,
1295. ni vi home de nul parage
tant fust riches ne proz ne sage,
sagt Dido. So etwas unterdrückt Veldeke. Die verschiedene Haltung
der beiden Dichter zeigt sich am klarsten, als sich Eneas in der
Unterwelt befindet und sein Vater Anchises ihm die Nachkommen-
schaft zeigt. Veldeke genügen die Namen dieser Nachfolger. Der
Franzose hebt aber wieder ihre besondere Stellung hervor, Silvius
soll z. B. König sein und wieder Vater von Königen; dessen Sohn
soll dem Vater natürlich an Schönheit und Tapferkeit gleichen. Bei
Veldeke soll er seinem Vater „an Haut und Haaren“ gleichen.
Dem standesgemäßen Gefühl des frz. Dichters entspricht selbst-
verständlich auch ein Sinn für Etikette. Bei Begrüßungen werden
uns alle Vorgänge bis ins Einzelne erzählt, wie Dido Eneas ent-
gegengeht, wie er vortritt und sie grüßt. Oder es wird erwähnt,
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daß man sich vor dem Essen die Hände wusch. Veldeke läßt das
alles weg. Er hat mehr Sinn für das nicht von der höfischen Etikette
eingeengte Mahl. Als die Trojaner in Italien landen, erzählt er z.B.
mit aller Breite, daß sie sich ganz bequem hinsetzen, was sie auf
das Brot legen und daß sie in ihrem Hunger selbst die Schüsseln
mitessen. Veldeke geht in der Verneinung des ritterlichen Stils so
weit, daß er sogar ritterliche Attribute der Helden tilg. Von den
Attributen
6492. — proz, bels, genz des Pallas
beibt nur noch
8284. des kuneges sun Pallas
und der durch Tapferkeit und Schönheit berühmte Eneas (im frz. Text)
ist für Lavinia nur noch 9863. der minnesälege Troiän. Seine Ge-
folgsleute werden im R. immer mit „Seignor“ angeredet, Veldeke
macht daraus „liebe frunt min“ Z. 8406. u. ö. Bei der Beschreibung
der Kamille Z. 3961 ff. hebt der Franzose immer wieder ihre Tapfer-
keit hervor, Veldeke preist dagegen ihre Schönheit. Der frz. Dichter
hat also Schönheit und Tapferkeit gleichgeordnet nebeneinander; bei
Veldeke ist die Tapferkeit fast völlig verschwunden, Dies zeigt sich
am besten in der Art der Nachrufe, die man gefallenen Helden widmet.
‘ Denn hier kann sich der frz. Dichter ebenfalls nicht freimachen von
dem Gedanken an den Körper, den Ruhm und die Ehre. In ihren
letzten Augenblicken denkt Dido immer noch an Ehre, Macht, Namen
und Ruhm; an Pallas’ Bahre werden noch einmal zum Beweis seiner
kriegerischen Tüchtigkeit die Waffen der von ihm getöteten Krieger
gezeigt und Pallas’ Vater trauert nicht um den Sohn, den er nun
verliert, wichtiger ist ihm die Frage, wer jetzt sein Reich erhalten
und damit seine Ehre fortpflanzen wird. Um diese Begriffe: Ehre,
Ruhm und Name gruppiert sich alles übrige. Bei Veldeke ist diese
Haltung verdeckt. An der Bahre werden nicht mehr die Beutestücke
des Pallas gezeigt und in der Klage seines Vaters ist ebenfalls das
briegerische Element mit dem Lobe der Tapferkeit u. a. ausgeschaltet.
Dieser Sohn war seinem Herzen vielmehr ein Licht; mit ihm sind
nun Freude und Wonne hin. Ganz ähnlich läuft die Klage über
Kamillens Tod. Der Franzose stellt Tapferkeit, Schönheit und Lob
gleichgeordnet nebeneinander; Veldeke erwähnt kein Wort von ihrer
Tapferkeit, nur das Lob der Schönheit und der Tugend bleiben bei
ihm. Mit einer gewissen Einschränkung kann man sagen, daß im
frz. Text der Rittergedanke als ästhetisches Ideal durchaus im Miittel-
punkt steht. Ehr- und Ruhmsucht, Tapferkeit und Ritterlichkeit
haben noch nichts von ihrer alten Kraft eingebüßt. Veldeke läßt
das alles weg und betont mehr das ethische Element, Nur zeitweise
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erinnert er sich an den ritterlichen Grundton. Die Tugend überstrahlt
ihn, und wer viel Tugend hat, den müßten die Götter eigentlich im
Kampf beschützen ; so motiviert er in der Leichenklage um Kamille.
Ein anderes Element ist die Beschreibung von Dingen der Um-
welt. Er sieht viel sinnlicher als der Franzose, und mit einer fast
verschwenderischen Fülle von Worten beschreibt er z.B. an Pallas’
Grab die Lampe. Von der Rüstung des Eneas gibt er alle Einzel-
heiten an. Er bemüht sich dabei, die Dinge ihrem Aussehen nach
zu beschreiben. Ob es sich um die Beschreibung eines Pferdes oder
um den Bau einer Burg handelt, jedesmal verliert er sich in Einzel-
heiten. Diese Eigenheit zeigt sich am besten bei der Hochzeit von
Eneas und Lavinia. Der Franzose begnügt sich mit wenigen Worten,
Veldeke beschreibt mit einer Unermüdlichkeit sondersgleichen die
Kleidung von Eneas, seine 50 Ritter, die in Samt und Seide glänzen.
Zu der Pracht der Kleider tritt noch die laute Freude der Beteiligten,
der Einzug und die Musik der vielen Spielleute. Man könnte meinen,
diese Eigentümlichkeit Veldekes sei bedingt durch den Zeitstil. Es
zeigt sich aber, daß auch bei den Zeitgenossen die Freude am Ritter-
lichen überwiegt. Man hebt hervor, daß die Waffen stark und
mächtig sind, daß die Schwerter gut schneiden und der Helm so fest
ist, daß er nicht durchhauen werden kann. Veldeke erwähnt dies
auch zuweilen. Wichtiger ist aber doch das sinnliche Element:
Glanz und Farbe ziehen weit mehr als die Stärke der Waffen. Dazu
kommt das Bestreben, das Einzelne möglichst zu betonen. Von Didos
Jagdanzug wird uns z.B. jedes einzelne Kleidungsstück angegeben.
Die Besonderung wird noch dadurch verstärkt, daß jedes Ding eine
eigene Farbe hat. Die frz. Parallelstelle geht anders; denn der
Franzose hat noch mehr Sinn für das Wunderbare, für Wundervögel
des Meeres u.a. Am offensichtlichsten ist Veldekes Eigenart beim
Ausritt des Eneas zum Kampf. Lavinia zählt alle Sachen auf, die
im Kampf schützen: das Haarband schützt den Kopf, der Ring das
Schwert usw. Das Einzelne vertritt also in gewissem Sinne zugleich
das Ganze oder umgekehrt das Ganze ist in einzelne Teile zerspalten,
wobei jeder Teil dem Ganzen gegenüber seinen Eigenwert hat. Es
ist philosophisch gefaßt der Standpunkt des Nominalismus, der sich
hier zeigt. Diese neue Schau der Dinge sieht auch die Welt anders.
Veldeke beschreibt uns eine Person, indem er ihr Äußeres angibt,
die Farbe der Kleider, den Stoff usw.; bei Eilhart besteht Isalde
hingegen nur aus einer Summe von abstrakten Eigenschaften; auch
sonst begnügt sich Eilhart bei der Schilderung von Frauenschönheiten
mit ganz allgemeinen Redensarten. Veldeke entdeckt die bunte
Sinnenwelt; gerade diese sinnliche Freude an ihrem Schein und Glanz
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fehlt den Zeitgenossen: bei ihnen herrschte noch alte ritterliche Welt
mit der Freude an der rohen Kraft und Gewalt. Starke Brust, große
Kraft in den Armen, Gewalt und männlicher Sinn sind die Charakte-
ristika dieser Helden. Aber Sinn für die Qualität der Oberfläche
hat eben nur Veldeke, höchstens Hartmann nähert sich ihm hier etwas.
Diese Art der Schilderung erhält sogar zuweilen fast weiblichen
Charakter, das Seil von Didos Hund z. B. besteht aus Seide, damit
sie sich nicht schneiden könne; Eneas’ Schild ist unten mit Samt
besetzt, und sein halsperch ist so beschaffen, daß man sich darin so
gut rühren kann 5647. als in [einem] lininem gewant, trotzdem die
Rüstung eines Rittes so schwer war, daß er sie nur im Augenblicke
des Bedarfs anlegte. Bei der Beschreibung der Gewänder war noch
die Gespanntheit innerhalb der Worte bemerkenswert. Die Borden
am Halse sind z.B. enge und auch weit, ebenso die Sattelbogen.
Diese Gespanntheit tritt noch einmal in den Liebesepisoden hervor.
Ein besonderes Kapitel behandelte die Wahl der Farbe. Die
harten und kalten Farben traten gegenüber den warmen sehr zurück.
Rot, weiß-gelb und grün stehen dabei an erster Stelle Grelle Farben
sucht er jedesmal durch Hinzusetzen von warmen Farben zu mildern.
Die Farben dienen nun wieder dazu, ein Ding vom andern abzu-
heben. Ein Vergleich von Kamillens Pferd mit dem von Philipp aus
dem „Alexander“ zeigt die besondere Art Veldekes. Auch im
„Alexander“ leben die einzelnen Dinge, sie bestehen aber nicht
selbständig nebeneinander, sondern man vergleicht sie mit andern
Sachen. Die Augen z. B. gleichen denen eines Adlers, das Maul
gleicht dem eines Esels usw. Das Ding besteht nicht für sich, es
wird nicht von einem andern durch die Farbe abgesetzt wie bei
Veldeke, sondern man erfaßt es nur durch Vergleich mit einem andern.
Im Mittelpunkt des Epos stehen zwei Liebesepisoden, die Dido-
und Lavinia-Episode Sie sind voneinander unterschieden; in der
ersten Episode, dem Beispiel einer unrechten Minne, bleibt sie ein-
seitig auf Dido beschränkt; in der zweiten faßt sie beide Personen,
Lavinia und Eneas. Diese Leute kommen nie aus einer gewissen
Gespanntheit der Gefühle heraus: Dido ist froh, ihr Herz ist mild
und doch wird sie von der Minne gequält; sie ist gesund und wieder
krank. Zwischen diesen zwei Polen des Befriedigtseins und des
Unbefriedigtseins wird sie hin- und hergeworfen. Das Neue ist dabei,
daß Veldeke die Liebenden nicht einfach begeistert, sehnsüchtig oder
traurig sein läßt, die Liebe macht auch nicht nur kalt und heiß, er
versucht überhaupt nicht den Gemütszustand zwischen zwei feste
Pole zu spannen, sondern er bemüht sich vielmehr in der Sprache
den eigenartigen Schwebezustand auszudrücken, Die einfachen Aus-
b* 59
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drücke „holt“, „froh“ usw. werden dabei bis zum Extrem gesteigert.
Dido ist so Eneas 1845 „unmäzlichen holt*. Diese Steigerung der
Worte geschieht sehr oft durch die Vorsilbe un-, die noch durch
“ michel, vil, gröz und andere Wörter verstärkt wird. Man will auf
jeden Fall die Minne ihrem Wesen nach fassen und sieht ein, daß
die Worte nicht ausreichen. Sie können das Gefühl nicht bannen.
Deshalb umspielt man den Begriff und es kommt dann der eigen-
artige Schwebezustand heraus.
Auch die Syntax Veldekes ging eigene Wege. Neben der alten
und üblichen Art der Parataxe zeigte sich das Bestreben, größere
Maße hinzusetzen. Diesen Maßen gab man ein festes Gefüge, indem
man den Zentralbegriff in die Mitte stellte und von dieser Mitte aus
die übrigen Satzteille band. Einige Worte standen als feste Pfeiler
da und sie gaben dem Satzgefüge ein festes Gerippe Eine beson-
dere Stellung nahmen noch die dö-Konstruktionen ein. Keiner hat
sie wohl so viel angewandt wie Veldeke. Sie entspringen dem
Bestreben, niemals die Perioden hart und fest nebeneinander zu
setzen, sondern abzurunden,
Veldeke hat also einen eigenen Kunststil; dieser sieht die Dinge
nicht eindeutig und fest umrissen; sie bestehen ihm vielmehr in der
Vielheit und Farbigkeit. Deshalb hat ihn wohl nur Gottfried von
Straßburg richtig erkannt, wenn er meint, aus seinem „ris“ seien
„este ersprungen, von den die bluomen kämen“. Und sollte nicht
auch gerade wegen der Neuartigkeit und Pracht der Schilderung mit
der Vorliebe für das Einzelne Landgraf Ludwig von Thüringen Ge-
fallen an dem Werk gefunden haben ?
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